Roter Sonnenuntergang

Die Feier ohne Segen

Es war einmal ein junger Bauer, der den Göttern kaum huldigte. Er meinte stets, er könne alles aus eigener Kraft erreichen. Drum war er fleißig und half auch gerne bei der Feldarbeit. Da die Ernte dieses Jahr gut ausgefallen war, wollte das Dorf ein Fest feiern, um Sibella – der Göttin der Fruchtbarkeit – zu danken. Dieses sollte am Hof des jungen Mannes stattfinden.

In wenigen Tagen hatte man alles Nötige arrangiert und das fröhliche Treiben konnte beginnen. Es wurde reichlich Met verteilt, getanzt und gelacht. Die heitere Feier sollte jedoch nicht lange währen. Kräftige Windböen bliesen eifrig Wolken herbei und der Himmel verdunkelte sich zusehends. Regen schoss gen Boden und trieb die Gäste in die große Scheune. Der junge Mann war bekannt für sein achtloses Handeln mit den Göttern. Deshalb wurde er sogleich gefragte, ob er Sibellas Segen eingeholt hatte. Er versicherte ihnen, dass er dies getan hatte. Schließlich feierten sie ihr zu Ehren ein Fest: „Die Mönche im Tempel haben mir sogar versichert, dass das Wetter sonnig und klar werden soll.“
Murmeln raunte durch die Scheune. Da kam einem eine Idee: „Du hast doch nicht etwa Elfrik vergessen, den Gott des Feierns?“
„Du scherzt wohl, armer Tropf. Sibella ist die Göttin des Wetters und nicht Elfrik“, erwiderte der junge Mann.
Das Gewitter war schnell vergessen und so feierte man fröhlich und vergnügt in der Scheune weiter. Es wurde wieder reichlich Met ausgeschenkt und der ein oder andere trank über den Durst hinaus; ebenso der junge Mann. Drum war es kein Wunder, dass es alsbald zum Streit zwischen ihm und einem gläubigen Lehrer kam. Sekunden später artete dieser in einer Keilerei aus. Das Met in seinen Adern schwächte den jungen Mann so sehr, dass er selbst gegen den betagten Lehrmeister alt aussah. Als er, von der Faust des Lehrers getroffen, zu Boden fiel, lachte die Menge laut auf.
„Jättest mal lieber um Elfriks Seschen jebeten“, warf ihm ein Mann mit roter Nase an den Kopf.
„Pah, Habron ist der Gott des Kampfes und nicht Elfrik,“ versuchte er sich zu verteidigen.
Um von seinem Fauxpas abzulenken, zog der junge Mann die Vorstellung des Zauberers vor. Dieser beeindruckte die Gäste mit allerlei Tricks und Illusionen. Vor allem die hin und her zuckenden Blitze brachten die Menge zum Staunen.
Doch mit einem Mal – niemand weiß genau warum – entzog sich die Magie der Kontrolle des Zauberers. Feuerbälle flogen wild umher und schnell stand die Scheune in Flammen. Die Leute rannten um ihr Leben. Zum Glück schafften es alle unverletzt nach draußen. Doch trotz des Regens brannte die Scheune unbeirrt weiter. Hilflos musste der junge Mann mitansehen, wie das Gebäude in großem Funkenflug in sich zusammenstürzte.
„Hättest du mal zu Elfrik gebetet“, tadelte ihn ein kleiner Bub.
„Aber… aber Zion ist doch die Göttin der Zauberei“, stammelte der junge Mann. So hatte die Feier ein trauriges Ende genommen und die Gäste eilten nach Hause.

In den nächsten Tagen blieb der junge Mann im Bett, denn er fühlte sich nicht besonders gut. Der Arzt, der ihn besuchte, vermutete, dass es wohl an dem Wetter und dem übermäßigen Met lag. Was er sich jedoch genau eingefangen hatte, konnte er ihm nicht mit Sicherheit sagen. Seine Frau setzte sich zu ihm ans Bett und sagte: „Willst du nicht zu Elfrik beten?“
Mit schwacher Stimme antwortete er: „Ich dachte, Katox ist der Gott über Tod und Krankheit.“
„Wenn du es schon nicht aus Überzeugung tun willst, dann tue es wenigstens für mich.“
Und so faltete der junge Mann seine Hände zusammen und betete das erste Mal in seinem Leben zu Elfrik – dem Gott der Müßigkeit, des Feierns und Herr über unsere Träume. Im nächsten Moment schloss er seine Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als er wieder aufwachte, fühlte er sich, als könnte er Bäume ausreißen. Er sprang aus dem Bett und eilte nach draußen. Die Sonne lachte ihm sogleich entgegen. Das rege Treiben auf seinem Hof lies sein Herz noch höher Schlagen. Viele der Dorfbewohner hatten sich zusammengefunden und waren gerade damit beschäftigt die Grundpfeiler für eine neue Scheune aufzurichten. Sofort begrüßte er die vielen Helfer und bat sie um Verzeihung für die misslungene Feier. Sie winkten ab: „Ist ja zum Glück niemand verletzt wurden.“
„Und hoffentlich wird dir dies eine Lehre sein“, fügte ein Mann mit roter Nase hinzu. Daraufhin packte der junge Mann mit an und zusammen bauten sie die Scheune noch größer und prächtiger als zuvor wieder auf.
Als sie fertiggestellt war, wollte man sie mit einer neuen Feier einweihen. Dieses Mal bat der junge Mann im Voraus um Elfriks Segen. Anschließend feierte man vergnügt bis tief in die Nacht hinein, ohne dass auch nur ein einziger unzufriedener Gast nach Hause ging.

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