Die Parabel von den zwei Wölfen

(Quelle unbekannt – etwas abgewandelt)

Eines Abends erzählte ein alter Cherokee seinem Enkel eine Geschichte am Lagerfeuer:

„Es gibt zwei Wölfe, die vom Anbeginn der Zeit miteinander kämpfen.

Der eine ist dunkel, voller Zorn, Neid und Gier. Er schürt Schmerz, Vorurteile und Lügen.

Der andere ist hell, voller Güte, Mitgefühl und Liebe. Er lässt Freude, Großzügigkeit und Hoffnung erblühen.“

Da wunderte sich der Enkel: „Und wer von beiden gewinnt am Ende?“

Da antwortete der alte Cherokee: „Derjenige, den du fütterst.“

Olaf der Zauderer

Eine Satire über deutsche Politiker im Ukrainekrieg. Wenn es doch wirklich nur ein Fantasy-Rollenspiel wäre…

Es begab sich, dass die Stadt Ukrim von Popogoblins angegriffen wurde. Sogleich rief man nach der mutigsten Heldentruppe des Landes beziehungsweise jene, die gerade in der Nähe war. Diese wurde von Olaf dem großen Zauderer angeführt. Aufgrund früherer Erfahrungen mit ihm war man nicht besonders großer Hoffnung, doch es war die letzte noch vorhandene…

Als Olaf mit seiner Heldentruppe eintraf, belagerten die Popogoblins gerade die innere Stadt. Ringsum brannten Häuser und Bewohner flohen in Richtung Burg. Die Popogoblins trugen allesamt ein großes Z auf ihrer Brust, welches sie sich selbst eingeritzt haben mussten.
„Wahrscheinlich große Zorrofans“, dachte sich Olaf. Darauf konnte er jetzt jedoch keine Rücksicht nehmen. Er stellte sich den Goblins entgegen und sagte: „Wollt ihr wirklich die ganze Stadt zerstören? Lasst uns doch lieber zusammen etwas zaudern.“
Da schritt ein großer Goblin auf ihn zu und sagte: „Ne, das erlaubt uns unser Führer nicht. Irgendwer muss doch die ganzen Hakenkreuze hier von der Stadt tilgen und die Drogensüchtigen in der Burg ausräuchern. Macht ja sonst keiner.“

Der Ritter der Heldentruppe ritt zu hohem Pferde vor. Er ließ sein wallendes blondes Haar im Winde wehen und sprach entrüstet: „Jetzt ist aber Schluss mit dem Unfug! Wir müssen diesen armen Menschen helfen. Lasst uns die Gepard-Dreiereihe und die Marder der 1. Züchtung vom Typ 1A5 auf sie hetzen.“
„Nicht so schnell“, meinte der Zauderer. „Ihr wisst schon, dass sie eine A-Bombe besitzen und damit jederzeit unser ganzes Land in die Luft jagen könnten.“
Der große Popogoblin stimmte zu: „Genau… die haben wir nämlich… ehh… genau hier vergraben und wenn ihr euch uns in den Weg stellt, werden wie sie zünden. Das ist absolut und überhaupt kein Bluff.“

Daraufhin trat die starke Zimmerfrau der Heldentruppe vor. Ihr silbernes Haar blieb völlig unbeirrt obgleich des starken Windes. Mit einer ebenso standfesten Stimme sagte sie: „Das ist doch Unsinn. Das ergibt alles überhaupt keinen Sinn. Ich mach es euch einfach großer Zauderer…“
Und mit diesen Worten begann sie in Windeseile eine Palisade aufzubauen.
„Sie wollen sich verteidigen!“, schrien die Popogoblins erzürnt. „Jetzt ist es vorbei mit der Spezialoperation. Das bedeutet Krieg!“
„Jetzt helft uns doch, oh großer Zauderer“, flehten die Stadtbewohner.

Nun hatte auch die Orkin der Truppe, die sonst stets gelassen war, die Nase voll. Sie stellte ihr Bärenfell und ihre Ziegenhörner auf und sagte: „Natürlich werden wir euch die besten Zucht-Leoparden der 2. Generation bringen. Sie werden diese Popogoblins blutigst zurückschlagen. Schließlich sind wir mit ihnen im Krieg.“
„Nicht so schnell, Jungs und Mädels“, meinte der Zauderer „Das kann ich nicht zulassen. Erstens sind wir nicht im Krieg mit ihnen, sondern sie mit uns. Und zweitens vergesst ihr immer noch die A-Bombe. Über weitere Freilassungen von Wildtieren muss ich noch mehr nachzaudern.“
„Du hast jetzt schon ein ganzes Jahr lang gezaudert“, beschwerte sich die Orkin.
„Uuund…“, begann einer der Popogoblins. „Vergesst nicht unsere B- und C-Bombe…“

Anschließend trat ein zweiter Goblin mit einer großen Tafel dazu. Auf dieser wurde anschaulich dargestellt, wie schnell angeblich eine C-Bombe in der Nachbarstadt eintreffen könnte.
„Die Grafik sieht ja hübsch aus“, meinte Olaf.
„Ja“, antwortete der zweite Goblin. „Die haben wir mit OligArschenSoft gemacht. Die kann ich jedem wirklich nur empfehlen.“
„Seht ihr denn nicht, dass sie bloß mit unserer Angst spielen“, grätschte die starke Zimmerfrau dazwischen und hob die Hände in der Hoffnung, Gott würde Hirn regnen lassen.

Plötzlich rumpelte es von der Seite. Ein roter Wagen stoppte direkt zwischen den Helden und den Goblins. Darauf saß eine Frau mit dunklem Schopf. Ohne Umschweife mischte sie sich ein: „Ihr vergesst das Wichtigste. Nämlich, dass die Popogoblins provoziert worden sind.“
„Genau“, stimmten die Goblins zu. „Die ham uns ständig komisch angeschaut. Das macht uns voll aggressiv!“
Die Stadtbewohner entgegneten entrüstet: „Doch aber nur weil euer Popoanführer sich ständig mit nacktem Po und Oberkörper im TV zeigt, und dann auch noch unschuldige Pferde belästigt.“
Die Frau auf dem Wagen erwiderte: „Dann ist ja wohl klar, dass beide Seiten gleichermaßen Schuld sind. Ich würde also sagen, die Goblins brennen noch die Hälfte der Stadt nieder und dann gehen wieder alle friedlich dorthin, wo sie hergekommen sind.“
„Unerhört…“, beschwerten sich die Stadtbewohner. „Und als ob die Goblins dann einfach aufhören…“
„Naaa, bei solch Vorschlägen zaudert’s mir ebenso“, antwortete Olaf.

Ein weitere Geselle mittleren Alters kam vorbei. Er zückte eine große Lanze, rückte seinen Anzug und seine gut gekämmten Haare zurecht und unterbrach die Wagenführerin: „Ich muss sie da mal etwas fragen, wenn sie schon einmal hier sind…“
„Öh… ich muss weg“, meinte die Wagenführerin. „Der Führer wartet bereits auf seinen Knecht.“
Und damit fuhr sie eilends davon.
Daraufhin wandte sich der Mann mit Lanze den anderen zu. Er ließ gar niemanden erst zu Wort kommen und löcherte alle je mit der immer selben Frage.

Auf einmal sprang ein Beil aus Olafs Tasche.
„Heuja, jetzt wird doch endlich das Kriegsbeil ausgegraben“, meinte der Ritter.
„Nein, das ist nur mein gutes Schutz-Beil“, antwortete Olaf. Und schon begann die Klinge des Beils zu sprechen: „Also ich finde, Olaf hat recht, mit Zaudern ist noch jedem geholfen worden. Wenn wir jetzt Leoparden auf sie hetzen, verlängert das die Brandschatzung nur.“
Zur Unterstreichung des Arguments setzte sich Olaf mit seinem Beil auf den Boden. Auf diese Weise diskutierten und zauderten die Helden ewiglich. Und wenn sie nicht von den Popogoblins erschlagen wurden oder die weit entfernte Nachbarinsel keinerlei Wildtiere vom Typ M1 Abrams freiließ, so zaudern sie noch heute.

Hinweis: Alle Ähnlichkeiten mit echten Personen und Ereignissen sind ausdrücklich beabsichtigt. Personen werden hier freilich satirisch überspitzt dargestellt. Dies dient hauptsächlich der Unterhaltung und soll keinesfalls entsprechende Personen diskreditieren.


Der Gott des Todes und der Mönch

Eines traurigen Tages war der Meister des Tempels friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Als die Mönche dies bemerkten, wuselten sie alle herbei und gaben ihm die letzte Ehre. Man klagte, betete und schmückte seinen Leib mit getrockneten Blütenblättern. Einer der Mönche konnte sein Tränen nicht mehr zurückhalten und fiel vor dem Meister auf die Knie. Plötzlich erschien Katox – der Gott des Todes – vor ihnen. Erschrocken wichen die Mönche zurück, bis auf den einen, der gerade am Boden kniete. Dieser schaute den Gott etwas ungläubig an. Ohne Umschweife ergriff Katox das Wort: „Oho, du bist wohl einer von der mutigen Sorte?“
Er musterte den Mönch kurz. Dann fuhr er fort: „Ich kann euch sicher behilflich sein. Wollt ihr nicht, dass ich euren Meister wieder zurück ins Leben bringe?“
Da stand der Mönch mutig auf und antwortete: „Oh großer Katox, führe uns nicht in Versuchung. Seine Zeit war wohl gekommen und uns steht es nicht zu, so etwas zu verlangen.“
Katox entgegnete: „Aber vielleicht kann ich ob des Verlustes etwas Gutes tun. Wie wäre es mit einer Wagenladung Gold als Ausgleich?“
„Unser Meister hat uns stets Bescheidenheit gelehrt. Wir haben hier alles, was wir brauchen“, erwiderte der Mönch.
„Ihr könntet damit sicher viel bewirken. Wenn schon nicht für euch. So gebt es doch den Armen“, versuchte ihn Katox zu überzeugen.
„Das klingt sehr reizvoll. Aber solch göttliche Eingriffe, kommen doch nie ohne Preis. Ich kenne all deine Geschichten, oh Katox.“
„Das ist wahr. Vielleicht… muss es sich nur richtig lohnen“, meinte Katox und offerierte: „Wie wäre es mit der Macht, Kriege zu verhindern oder die selbstsüchtigen Könige zu stürzen? Selbst wenn du dafür am Ende deine Seele geben müsstest, würdest du es doch tun, oder nicht?“
Der Mönch entgegnete: „Das klingt wahrlich verlockend. Doch es widerspricht dem natürlichen Lauf der Dinge. Alles braucht seine Zeit. Das ist der einzig wahre Weg.“
Katox begann zu lächeln, was meist kein gutes Zeichen war und sagte: „Ich sehe, du bist ein wahrer Gläubiger. Drum erhältst du etwas von mir, ohne dass du im Stande sein wirst, es abzulehnen.“
Das erste Mal blitzte Angst in den Augen des mutigen Mönches auf. Die anderen Mönche schreckten weiter zurück und versuchten sich hinter der spärlichen Einrichtung zu verstecken. Katox zeigte mit seinem Finger auf den Mönch und sagte: „Hiermit ernenne ich dich zum neuen Meister des Tempels. Mögest du ihn weise führen, bis dein letzter Tag auf Erden gekommen ist.“

Wie lang wäre ein Roman über ein ganzes Menschenleben?

Stell dir vor, man würde dein komplettes Leben als Roman niederschreiben. Alles, was du erlebst, dabei denkst und fühlst. Wie viel Romanseiten würde das wohl füllen und welche Ausmaße würde ein gedrucktes Exemplar annehmen?

Inhalte

1. Definition eines Lebensromans
2. Lesegeschwindigkeit
3. Verfügbare Lebenszeit
4. Wie viele Wörter hat eine Romanseite?
5. Maße des Lebensromans
6. Die ganzen Ausmaße eines Lebensromans
7. Fazit
8. Quellen

Definition eines Lebensromans

Da wir unsere Erlebnisse meist in einer Art eindimensionalem Strom an Eindrücken wahrnehmen, soll unser Lebensroman dies ebenfalls so abbilden. Dafür definieren wir, dass im Groben und Ganzen die erzählte Zeit gleich der Erzählzeit sein sollte. D.h., die erlebte Zeit sollte mit der Zeit übereinstimmen, die man benötigt, um den entsprechenden Abschnitt zu lesen. Wenn man also deinen kompletten Lebensroman lesen wollen würde, wäre man damit dein ganzes Leben lang beschäftigt. Auf diese Weise können wir zum einen die Randbedingungen relativ genau definieren, zum anderen können wir ausschließen, dass ein allwissender Erzähler endlose Seiten mit Beschreibungen über Wangenknochen füllt.

Wenn wir die Größe eines Lebensromans ermitteln wollen, müssen wir laut dieser Definition lediglich berechnen, wie viel man lesen könnte, wenn man sein komplettes Leben damit verbringen würde. Dafür benötigen wir die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit und Lebenserwartung eines Menschen sowie bestimmte Eigenschaften eines typischen Romans wie z.B. die Wörteranzahl pro Seite.

Lesegeschwindigkeit

Die Lesegeschwindigkeit ist von vielen Parametern wie Alter, IQ, Vorwissen, Textkomplexität, aber vor allem von der Leseerfahrung abhängig. Ungeübte Erwachsene lesen etwa mit einer Geschwindigkeit von 100 Wörter pro Minute. Schnelle geübte Leser können dagegen bis zu 1000 Wörter pro Minute bewerkstelligen. Für uns ist jedoch die durchschnittliche Lesegeschwindigkeit von geübten Lesern mit 200 bis 300 Wörtern pro Minute relevanter, da diese ungefähr mit der erlebten Zeit im Roman übereinstimmen sollte.

Verfügbare Lebenszeit

Wenn man in Deutschland im Jahr 2021 geboren wurde, liegt die durchschnittliche Lebenserwartung bei ziemlich genau 81 Jahren (+2,4 für Frauen, -2,4 für Männer). Bei 365,25 Tage pro Jahr (0,25 für das Schaltjahr) kommt man so insgesamt auf 29.585 Tage. Davon steht uns aber nicht die volle Zeit zur Verfügung. Schließlich benötigen wir Schlaf und davon nicht zu knapp. Durchschnittlich sollten es schon acht Stunden sein. Die verlieren wir jedoch nicht komplett, da wir unsere Träume nicht vergessen dürfen. In denen können wir zwar kein Buch lesen, aber das Erlebte darf in unserem Lebensroman natürlich nicht fehlen und muss demnach ebenso berücksichtigt werden.

Mittlerweile weiß man, dass wir nicht nur im REM-Schlaf (mit einem Anteil von 20-25% des Gesamtschlafes) träumen, sondern auch im Non-REM-Schlaf und somit der Traumanteil deutlich höher sein muss, als früher gedacht. Als grobe Schätzung gehen wir einmal von 50% bzw. 4 Stunden aus. Dass wir uns häufig nicht mehr an unsere Träume erinnern, zeigt lediglich unsere Unzulänglichkeit und spielt dabei keine Rolle.

Bei dieser Betrachtung lassen wir zudem außen vor, dass wir beispielsweise als Säugling oder Kleinkind deutlich mehr Zeit mit Schlafen verbringen. Ebenso bleibt die Zeit vor unserer Geburt unberücksichtigt.

Summa summarum stehen uns somit für einen Tag 20 Stunden zur Verfügung. Bei 81 Jahren sind das zusammen 591.705 Stunden oder rund 35,5 Millionen Minuten, ehe der Sensenmann anklopft.

Wie viele Wörter hat eine Romanseite?

Normseite

Um den Umfang von Texten abzuschätzen, kann die sogenannte Normseite verwendet werden. Diese ergibt sich aus der Festlegung von 30 Zeilen mit bis zu 60 Anschlägen inklusive Leerzeichen. Damit sind maximal 1800 Zeichen möglich.

Wie viel Wörter es in der Praxis genau sind, hängt von mehreren Faktoren ab wie der Sprache, Textkomplexität und vor allem von der Anzahl an Zeilenumbrüchen durch z.B. wörtliche Rede. Es hat sich gezeigt, dass bei realen deutschen Texten im Durchschnitt nur 83% der maximalen Zeichen ausgenutzt werden. Deshalb hat die Verwertungsgesellschaft Wort eine vereinfachte Version der Normseite mit 1500 Zeichen festgelegt.

Durchschnittl. Wortlänge und Wörter pro Normseite

Mit dem Duden als Grundlage liegt die durchschnittliche Wortlänge in der deutschen Sprache bei 10,6 Buchstaben. Wenn man aber bedenkt, dass kürzere Wörter viel häufiger verwendet werden, kommt man mithilfe des Dudenkorpus auf eine durchschnittliche Wortlänge von 5,99 Buchstaben. D.h, bei 60 Anschlägen geteilt durch 7 (6 plus 1 Leerzeichen) ergibt das unter nicht Berücksichtigung von zusätzlichen Satzzeichen 8,57 Wörter pro Zeile und somit 257 Wörter pro klassischer Normseite. Bei einem realen Text wären es bei einer geringeren Ausnutzung des Platzes von 83% lediglich 214 Wörter pro Normseite.

Wörter pro Seite bei einem realen Roman

Wenn du dir ein paar deiner Romane aus dem Bücherregal holst und nachschaust, wirst du feststellen, dass die Zeilenanzahl und die Zeichen pro Zeile oft mehr als die einer Normseite aufweisen und von Buch zu Buch teilweise sehr unterschiedlich ausfallen. Dafür wird, wie bereits erwähnt, der Platz häufig nie komplett ausgefüllt und auch dabei ist die Varianz manchmal groß. Wie zu erwarten war, gibt es den einen typischen Roman schlicht nicht. Es ist demnach kein Wunder, dass man im Netz meist unterschiedlichste Zahlen zu dem Thema findet.

Da die meisten Romanseiten größer als eine Normseite sind, können wir diese als untere Grenze annehmen. Für die obere Grenze gehen wir von 38 Zeilen, 10 Wörter pro Zeile und einer Platzausnutzung von 92% aus. Die wenigsten Romane werden darüber liegen. Damit erhalten wir für die allermeisten gedruckten Romane einen Bereich von rund 200 bis 350 Wörter pro Seite.

Maße des Lebensromans

Wie auf den ersten Blick erkennbar, fallen die Unterschiede zwischen vorkommenden Buchmaßen sehr groß aus. Scheinbar jede neue Buchreihe muss sich dabei von den bereits existierenden absetzen. Wir sind hier also in unserer Wahl relativ frei. Für unseren Lebensroman nehmen wir daher ein schönes und gut zu lesendes Hardcover-Format mit einer Breite von 14 cm und einer Länge von 21 cm an.

Da ein endlos dickes Buch zum Lesen ungeeignet ist, soll unser Lebensroman eine Buchreihe werden und jedem Buchband 1000 Seiten zur Verfügung stellen. Diese beachtliche Seitenzahl erscheint passend zu so einem kolossalem Werk. Außerdem lässt es sich damit später einfacher rechnen ;D

Auch bei der Seitendicke unterscheiden sich Romane teilweise stark. Während z.B. ein Roman mit 4,3 cm Dicke auf 460 Seiten kommt (9,3 cm bei 1000 Seiten), kann ein anderer mit 5,5 cm Dicke ganze 1260 Seiten aufweisen (4,4 cm bei 1000 Seiten). Wenn wir also nicht das dickste Papier, aber auch kein Seidenpapier in der Hand haben wollen, können wir für unsere 1000 Seiten gut und gerne 6 cm als Dicke wählen.

Die ganzen Ausmaße eines Lebensromans

Grundlage

Ausgehend von den zuvor ermittelten Daten können wir für die Berechnung Folgendes als Grundlage annehmen:
• Lesegeschwindigkeit: 250 Wörter pro Minute
• Lebenszeit: 35,5 Millionen Minuten
• Wörter pro Seite: 300
• Zeichen pro Wort: 7 Zeichen (6 plus 1 Leerzeichen)
• Maße eines Buchbandes: 14 x 21 x 6 cm bei 1000 Seiten

Hinweis: Die gewählten Zahlen sind nur Richtwerte, könnten also auch in einem gewissen Rahmen anders gewählt werden. Das Entscheidende bei den daraus folgenden Ergebnissen sind schließlich nicht die exakten Werte, sondern welche Größenordnungen wir am Ende erreichen.

Analoge Ausmaße

Aus der Lesegeschwindigkeit und der verfügbaren Lebenszeit erhalten wir für unseren Lebensroman die gigantische Zahl von 8,9 Milliarden Wörtern. Zusammen mit 300 Wörtern pro Seite bilden diese ca. 29,6 Millionen Seiten und damit 29.583 einzelne Buchbände. Das entspricht ungefähr dem kompletten Bestand einer typischen Stadtbibliothek in Deutschland.

Wenn wir all diese Bücher jeweils mit der Buchrückseite auf die Buchvorderseite aufeinander stapeln, entstünde ein Turm mit einer Höhe von 1775 Metern. Dichtgedrängt in einem riesigen Bücherregal mit 91 Reihen, 325 Büchern pro Reihe und einer Regalbrettdicke von 1 cm würden sie eine Fläche von rund 20 mal 20 Metern vereinnahmen.

Wenn wir mehrere Bücherregale in einem Kubus anordnen, können wir es noch weiter kompaktifizieren. Mit 18 Reihen, 66 Büchern pro Reihe und 25 Bücherregalen mit jeweils 2 cm Abstand zwischen den Regalen entsteht ein Würfel mit einer Seitenlänge von vier Metern. Auf diesem kompakten Raum würden wir das gesamte Leben eines einzigen Menschen vorfinden.

Digitale Ausmaße

Wer es lieber digital mag und noch mehr Platz sparen möchte, könnte versuchen, alles auf einem USB-Stick unterzubringen. Aber hätte dieser überhaupt genügend Speicher dafür?

Wenn wir von 8,9 Milliarden Wörter und durchschnittlich 7 Zeichen pro Wort ausgehen, erhalten wir mindestens 62,3 Milliarden Zeichen. Zusätzliche Satzzeichen wieder nicht mitgerechnet. Mit einer einfachen 8-Bit-Kodierung wie z.B. der ASCII-Erweiterung ISO 8859-1 benötigen wir dann 62.300.000.000 Bytes und damit 58 GB. Mit gängiger Textkompression kann man den Platzbedarf im Durchschnitt noch um 80% reduzieren; mit sehr spezialisierter Software sicher noch etwas mehr.

D.h., ein popliger USB-Stick könnte unser komplettes Leben beherbergen und hätte sogar noch Platz für einige Schnappschüsse. Heutzutage sind 10 bis 60 GB einfach nicht mehr so viel wie vielleicht noch vor 15 Jahren. Aber wenn man bedenkt, dass es sich hier lediglich um Text handelt und keine 4K-Videos, sind meiner Meinung nach zweistellige Gigabytes trotzdem eine ganze Menge.

Fazit

Wir haben gesehen, was für gewaltige Ausmaße ein Menschenleben in Schriftform hervorbringen kann. Dennoch bleiben noch einige Fragen offen, wie z.B.:
Wer soll jemals einen Lebensroman komplett durchlesen?
Wie lange würde es tatsächlich dauern, solch ein Werk niederzuschreiben und wo kann man jemanden dafür anheuern?
Welches Ausmaß würden alle Lebensromane aller jemals gelebten Menschen annehmen und würde der entsprechende Bücherturm bis zur Sonne reichen?

Spoiler: Bereits alle vollendeten Lebensromane der aktuellen 7,9 Milliarden Menschen würden ein Bücherregal von mindestens 1700 mal 1700 Kilometer füllen oder einen Bücherturm bilden, der mit seinen 14 Milliarden Kilometern fast 100 mal höher wäre als die Entfernung Erde-Sonne (150 Mio. km) oder etwas größer als der Durchmesser der Plutoumlaufbahn (11,8 Mrd. km). Natürlich nur angenommen, all diese Menschen würden durchschnittlich 81 Jahre alt werden. Aber was will man auch von einer Milchmädchen-Überschlagsrechnung erwarten.

Zumindest bleibt am Ende festzuhalten, dass die enorme Wörteranzahl eines Lebensromans unterstreicht, wie unterschiedlich und einzigartig jedes Menschenleben ausfällt. Dabei sollten wir jedoch nicht unentwegt versuchen, alles Erlebte festzuhalten und überall zu dokumentieren wie z.B. bei Social Media. Vielmehr ist es vielleicht gar nicht so schlimm, dass niemand jemals unser komplettes Leben lesen wird. Denn auf diese Weise wird es immer jene Momente im Leben geben, die ganz besonders sind und nur uns allein gehören. Genau solche Erlebnisse sollten wir sammeln und hüten, manchen Rest nicht so wichtig nehmen und anderes kann auch einmal getrost in den Müll geworfen und vergessen werden.

Hast du Anregungen, Fragen, Fehler gefunden oder würdest etwas komplett anders machen? Dann ab in die Kommentare damit. Ich freue mich immer über Feedback : D

Quellen

Lesegeschwindigkeit: Wikipedia, science.orf
Lebenserwartung: Statistisches Bundesamt
Träume: Wikipedia REM, Wikipedia Non-REM
Normseite: Wikipedia
Durchschnittliche dt. Wortlänge: Duden
Maße und Seitendicke von Romanen: Mein Bücherregal : P
Typische Bibliothek: Bibliotheksportal
Zeichenkodierung: Wikipedia ASCII, Wikipedia ISO_8859-1
Textkompression: Winzip, Wikipedia Brotli
Weltbevölkerung: Statista
Erdbahn: Wikipedia
Plutobahn: Wikipedia

Das Gleichnis des Lebens

Auch bekannt als das Gleichnis, das selbst die Götter überzeugte. Niemand weiß, ob es nur dafür ins Leben gerufen wurde oder um ein anderes Licht auf die Geschehnisse am Beginn der Zeit zu werfen.

Der Geist der Zeit existierte von Anbeginn. Doch er war nicht allmächtig. Er verlieh den Dingen lediglich Zeit. Wenn er eine Blume pflückte, verwelkten ihre Blüten augenblicklich. Streichelte er über einen Baum, verdorrte dieser. Einmal tanzte ein Schmetterling über seinem Schopf. Kaum hatte sich dieser auf den Kopf des Geistes niedergelassen, fiel er leblos zu Boden. Drum war es kein Wunder, dass der Geist von allen Zwerglingen und Tieren gefürchtet wurde. Kaum erblickten sie ihn, wurde er hinfort gejagt oder man floh Hals über Kopf. So streifte er unentwegt einsam durchs Land und fragte sich nach dem Sinn seiner Existenz, bis man ihn ganz vergessen hatte.

Eines Tages vernahm der Geist eine Stimme: „Wenn mir doch nur jemand helfen könnte.“
Er lugte hinter einem Zaun hervor und entdeckte eine kleine Hütte. Ein Heiler saß neben einem Bett und meinte: „Ich weiß auch nicht mehr weiter. Ich hab mein Bestes getan.“
Darauf sagte eine kränkliche Stimme: „Aber so geht es nicht weiter. Ich kann nicht auf ewig diese Qualen erleiden. Wo sind nur die Götter, wenn man sie braucht?“
„Vielleicht erbarmt sich Zion doch noch und heilt dich mit ihrer Magie. Oder Elfrik lässt uns seinen besonderen Wein zukommen, um die Schmerzen besser zu betäuben.“
„Bis jetzt hat mich niemand erhört. Ich will nur noch, dass es endet“, klagte der Kranke.
„Sollte tatsächlich jemand seine Hilfe benötigen?“, fragte sich der Geist. Selbstbewusst betrat er die Hütte.
„Zur Seite, Heiler! Ich bin genau der, den ihr sucht.“
Seine bleiche Erscheinung und sein forsches Auftreten ließen die zwei Zwerglinge kurz aufschrecken.
„Bist du… bist du ein Helfer der Götter?“, fragte der Heiler vorsichtig. Der Kranke hatte sich schnell wieder im Griff und sagte: „Wenn nicht, kannst du gleich wieder verschwinden. Bisher konnte mir niemand helfen.“
Da antwortete der Geist: „Ich kann dein Leiden beenden und dir ewigen Schlaf schenken.“
Während er dies sprach, berührte er den Efeu an der Hauswand und ließ ihn umgehend zu Staub zerfallen.
„So hat mich Zion doch erhört“, sagte der Kranke erfreut.
„Ich wurde von niemandem geschickt. Ich bin mein eigener Herr“, antwortete der Geist.
„Ohhh. Wenn das wirklich wahr ist, dann bitte. Bitte nimm meine Hand.“
Der Kranke streckte ihm erwartungsvoll die Hand entgegen. Der Geist schlug, ohne zu zögern, ein. Schlagartig fiel der Arm des Kranken auf die Decke. Seine Augen wurden leer und seine Atmung stoppte. Der Heiler machte große Augen und fiel auf die Knie.
„Bei den Göttern… oh du. Du hast vermocht, wozu niemand im Stande war; nicht einmal die Götter selbst. Wie soll ich dich preisen? Wie ist dein Name?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Ich bin noch auf der Suche“, antwortete der Geist.

Es dauerte nicht lange, da traf der Geist auf zwei weitere gequälte Seelen. Ein magerer Bär und ein dürrer Hase krümmten sich vor Schmerzen unter einem kargen Baum.
„Oh könnte uns doch nur jemand von unseren Qualen erlösen“, jammerte der Bär und hielt sich den Bauch.
„Ich verstehe einfach nicht, warum Sibella uns im Winter derart peinigt? Ich kann auch nicht mehr“, meinte der Hase. Der Geist trat an die beiden heran und fragte: „Was fehlt euch denn? Vielleicht kann ich helfen?“
„Wenn dich Sibella geschickt hat, dann sicherlich. Hast du nahrhafte Früchte dabei?“, fragte der Bär.
„Ich wurde von niemandem geschickt. Ich bin mein eigener Herr“, antwortete der Geist.
„Dann sind wir verloren. Siehst du nicht, dass wir gerade verhungern?“, jammerte der Hase.
„Ich könnte eure Leiden endgültig beenden“, widersprach der Geist. Der Bär musterte den Geist genauer und fragte: „Oh oh, bist du etwa dieser Geist, der Zwerglingen das Leben nehmen kann?“
„Wenn du das wirklich kannst, nur zu. So will ich nicht mehr leben“, klagte der Hase.
„Da hast du recht, Hase“, stimmte der Bär zu und bat den Geist: „Bitte lieber Geist, erlös uns von unserer Qual.“
„Euch beide? Das könnte ich wohl. Ich habe aber eine bessere Idee“, meinte der Geist. Er hob seine Hand und schritt auf die beiden zu. Dann tippte er kurz an die Stirn des Hasen. Augenblicklich fielen dessen Augen zu. Der Geist wandte sich darauf dem Bären zu und sagte: „Und nun mein guter Bär, iss und nähre dich. Denn Leben ist kostbar.“
„Guter Geist, wie soll ich dich preisen, wie ist dein Name?“, fragte der Bär.
„Das kann ich dir nicht sagen. Ich bin noch auf der Suche“, antwortete der Geist.

Die Taten des hilfreichen Geistes sprachen sich schnell herum; so auch bei den Tieren des Waldes. Als sie davon erfuhren, schöpften sie neue Hoffnung. Möglicherweise könnte er ihr Dilemma lösen. Und so wurde das erste Mal direkt nach dem Geist gerufen. Vögel schwärmten aus und fragten jedes Tier und jeden Zwergling, ob sie ihn gesehen hatten.
Nach wenigen Tagen traf der Geist auf eine Schwalbe, die ihn direkt um Hilfe bat. Er war über das Vertrauen der Tiere so erfreut, dass er der Schwalbe sogleich zusagte. Daraufhin folgte er ihr über Stock und Stein – an einer weiten Weide entlang – bis zu einem kleinen blühenden Hain. Unter den Baumkronen säumten Rehe, Wildschweine, Hasen, Bären und viele andere Tiere das Gras. Ein Hirsch mit prächtigem Geweih trat hervor und sprach: „Oh gutmütiger Geist. Wir haben deine Hilfe erbeten, da wir uns nicht mehr zu helfen wissen. Die Weiden und Wälder werden immer lichter. Man findet kaum noch Beeren oder Früchte. Immer häufiger werden unsere Bauten und Unterschlüpfe zerstört oder wir sind gezwungen, sie zu verlassen. Die Zwerglinge breiten sich indes ungezügelt weiter aus.“
Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Wir können unsere Kinder kaum noch versorgen und uns selbst erst recht nicht mehr. Kannst du uns nicht helfen? Du vermagst doch Zwerglingen das Leben zu nehmen? Wir würden auch alles tun, was du im Gegenzug verlangst.“
Der Geist überlegte kurz und sagte dann: „Mhm, das ist aber eine vermessene Bitte. Sollte ich mir nicht vorher anhören, was die Zwerglinge dazu zu sagen haben?“
„Wie du magst, aber sie werden dich sicher belügen. Das ist in ihrer Natur. Sie halten sich für Sibellas Kinder und alles andere ist für sie nichts Wert“, antwortete der stattliche Hirsch. Die Tiere des Waldes stimmten darauf ein:
„Genau, das sind alles Lügner“, meinte die Schlange.
„Bösartige Nesträuber“, schimpfte der Uhu.
„Und ungehobelte Schläger“, meinte das Schwein.
„Wir werden sehen“, sagte der Geist und verabschiedete sich.

Ohne Umschweife begab sich der Geist zur Hauptstadt der Zwerglinge und bat um eine Audienz beim König. Auch hier hatte man bereits von ihm gehört. Drum gewährte man ihm seine Bitte und führte ihn direkt zum Palast des Königs. In einem eindrucksvollen Thronsaal wurde der Ankömmling vom König höchstpersönlich empfangen. Ohne Kniefall oder königliche Begrüßung trug der Geist sogleich die Anschuldigungen der Tiere vor. Der König antwortete darauf mit ruhiger Stimme: „Wir wissen uns auch keinen Rat mehr. Die Ernten fallen von Jahr zu Jahr schlechter aus. Das Feuerholz wird jeden Winter knapper. Und Tiere berauben uns immer häufiger unserer Vorräte. Unsere Kinder müssen jeden Winter hungern. Es ist eine Qual.“
Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er energischer fort: „Wir müssen neue Ländereien ergründen. Wir haben gar keine andere Wahl. Wenn du uns dafür verachtest, bist du genauso heuchlerisch wie die Tiere. Sie halten sich für Sibellas höchste Schöpfung, weil sie zuerst in diese Welt kamen.“
„Euch ist also bewusst, was ihr tut?“, fragte der Geist rhetorisch.
Der König antwortete nicht.
„Das ist wahrlich ein Dilemma“, fügte der Geist hinzu. „Aber was wenn… würdet Ihr wirklich alles für eure Kinder tun?“
Der König lehnte sich vor und antwortete: „Natürlich würden wir das!“
„Gut“, sagte der Geist. Im nächsten Moment sprang er zum Thron und tippte dem König an die Stirn. Geräuschlos sank dieser in seinen samtenen Sitz zurück.
„Er hat dem König das Leben gestohlen!“, schrie eine der Wachen von der Seite und stürmte auf den Geist zu. Dieser hob vorsorglich seine Hand. Unbeeindruckt versuchte ihn die Wache mit ihrer Hellebarde niederzustrecken. Doch sobald die Klinge die Hand des Geistes berührte, zerstieb das Metall zu rötlichem Staub. Jetzt erst wurde den Wachen bewusst, wem sie da gegenüberstanden. Angsterfüllt ließen sie ihre Waffen fallen und flüchteten kopflos davon.

Danach suchte der Geist jeden älteren Zwergling heim und nahm ihm das Leben. Anschließend kehrte er zum Hain der Tiere zurück.
„Du hast es also getan?“, fragte der prächtige Hirsch.
„Die Zwerglinge werden euch keine Probleme mehr bereiten“, antwortete der Geist. Die Tiere jubelten.
„Du bist wahrlich…“, begann der Hirsch, wurde aber sofort vom Geist unterbrochen: „Damit ist es aber nicht getan. Ihr meintet schließlich, ihr würdet alles im Gegenzug tun?“
„Natürlich, oh mächtiger Geist“, sagte der Hirsch.
„Dann legt euch darnieder. Ihr werdet die nächsten sein.“
„Aber… aber so war das nicht ausgehandelt“, schnaubte der Hirsch und scharrte mit den Hufen.
„Wolltet ihr nicht alles tun?“, fragte der Geist.
„Aber die Zwerglinge sind doch…“
„Oh nein, kleiner Hirsch. Nicht die Zwerglinge sind Schuld, sondern das Leben selbst. Das endlose Leben ist das Übel dieser Welt. Es breitet sich unkontrolliert aus und vermaledeit alles, was es berührt, sogar sich selbst. Wenn du das Leben wirklich schützen willst, braucht es ein Ende.“
Da verstand der Hirsch, welchen Handel er eingegangen war. Er kniete sich nieder und sagte: „Wie sollen wir dich preisen, wie ist dein Name?“
„Das kann ich dir sagen. Denn meine Suche endet hier…“, antwortete der Geist. Denn endlich hatte er seine Bestimmung gefunden; als Gott des Todes.

Die perfekte Geschichte

„Ist es nicht erst dann perfekt, wenn es nicht komplett perfekt ist? Oder beruhigen sich so nur die Unbegabten?“, grübelte der alte Mann an seinem Schreibtisch und strich sich gedankenversunken durch seinen grauen Bart. Überall lagen Papierschnipsel mit unfertigen Texten verstreut. Mit einem Mal schlug die Haustür auf und eine ältere Dame betrat die Hütte.
„Ach, hier treibst du dich also die ganze Zeit herum“, begrüßte sie ihn forsch.
„Du kommst gerade ungelegen. Ich hab viel zu viel zu tun“, antwortete er, ohne sich umzudrehen.
„Ich hab dich draußen schon ewig nicht mehr gesehen“, meinte sie und näherte sich dem Schreibtisch. Argwöhnisch beäugte sie den überfüllten Arbeitsplatz und fragte: „Was ist denn so wichtig, dass du nicht einmal mehr deine alte Freundin besuchen kommst?“
Er blickte zu ihr auf und sagte: „Ich habe beschlossen, die perfekte Geschichte zu schreiben.“
„Ist das dein ernst? Nimmst du dir da nicht etwas zu viel vor?“, meinte sie belustigt.
„Zweifelst du etwa an meinen Fähigkeiten?“, fragte er streng.
„Oh nein, das nicht. Aber kann es überhaupt etwas Perfektes geben? Treten dabei nicht unweigerlich Paradoxien auf?“
„Das gilt es zu widerlegen. Und ich bin bereit, mich dieser Herausforderung zu stellen.“
„Na dann wünsch ich dir viel Glück dabei. Übertreib es bloß nicht“, sagte sie.
„Ja ja“, meinte er. „Keine Sorge, ich lass mich bald mal wieder sehen. Bis dahin.“
„Na gut, alter Griesgram“, sagte sie und verließ die Hütte wieder.

Doch wie sie bereits geahnt hatte, ließ er sich nicht blicken. Viel lieber schlug er sich unzählige Nächte um die Ohren, um weiter an seiner perfekten Geschichte zu arbeiten. Einige Wochen später, als sie des Wartens müde geworden war, kam die ältere Dame wieder vorbei.
„Hab ich mir’s doch gedacht, dass du dich nicht blicken lässt“, begrüßte sie ihn. Er antwortete nicht. Sie schaute zum Schreibtisch hinüber und entdeckte ihn mit dem Kopf, in seinen Armen eingebettet, auf dem Tisch liegen.
„Hat er sich wohl doch mal etwas Ruhe gegönnt?“, fragte sie sich.
Während sie noch überlegte, ob sie ihn wecken sollte, sagte plötzlich eine Stimme: „Ich hab schon mehr als die Hälfte geschafft.“
Sie fasste sich vor Schreck an die Brust.
„Meine Güte hast du mich erschrocken. Ich dachte, du schläfst.“
Er hob seinen Kopf und begann: „Seit wann…“
„Egal… arbeitest du wirklich immer noch an diesem perfekten Geschreibsel?“, fragte sie.
„Jaha, und es fehlt gar nicht mehr viel“, antwortete er. Sie schaute ihn skeptisch an und meinte: „Du kennst aber schon das Paretoprinzip? Dass 80% der Arbeit leicht von der Hand gehen und 20% der Arbeit 80% Aufwand mit sich bringen?“
„Natürlich, ich hab das schließlich erfunden“, sagte er und lachte.
„Ahja, dann schon mal danke dafür. Das ist nämlich echt nervig“, beschwerte sie sich. Daraufhin meinte er: „Alles hat seinen Platz und seine Berechtigung. Wenn es nicht so wäre, wie es ist, wäre es doch ganz schön unterkomplex und wahnsinnig langweilig.“
„Gerade deshalb solltest du am besten wissen, dass nicht immer alles perfekt sein muss“, konterte sie. Der Alte stand auf und machte eine ausladende Geste.
„Unperfektes gibt es wie Sterne im Universum. Wenn du etwas schaffen willst, das aus all dem heraussticht, muss es heller erstrahlen als der hellste Stern.“
Sie winkte ab und meinte: „Na Hauptsache du wirst irgendwann fertig.“
„Du wirst schon sehen. Es wird selbst dir die Sprache verschlagen“, sagte er und lächelte verschmitzt.
„Solange danach wieder alles wie immer wird, soll’s mir recht sein“, meinte sie und verdrehte die Augen.

Viele Wochen später bekam er erneut Besuch von seiner alten Freundin. Diesmal betrat sie die Hütte jedoch in einer erschütterten Eile, als wäre sie vor dem Teufel höchstpersönlich auf der Flucht.
„Sie kommen, sie kommen! Die Engel kommen!“, rief sie. Der Alte saß wie üblich an seinem Schreibtisch. Er drehte sich zu ihr und fragte ungläubig: „Die Dunklen? Die kommen doch sonst nur alle zehn Brahma-Jahre.“
Sie zeigte nach draußen und fragte: „Und, willst du sie nicht sehen?“
„Nein, ich hab Besseres zu tun. Ich bin nämlich kurz davor, mein Werk zu vollenden.“
„Aber, die Engel… die kannst du dir doch nicht entgehen lassen.“
„Beim nächsten Mal, mit Sicherheit“, sagte er und wandte sich ab.
Plötzlich klopfte es. Ein Engel mit dunklen Flügeln stand in der offenen Tür. Der Alte sprang erschrocken auf. Seine Freundin wich ehrfürchtig zur Wand zurück.
„Was wollt ihr hier?“, fragte der Alte harsch. Der Engel betrat die Hütte und antwortete: „Mein Herr, wir sind gekommen, um Sie abzuholen. Um Sie ins nächste Reich zu führen.“
„Das… das kann nicht sein. Ich bin hier noch nicht fertig“, sagte er entsetzt. Der Engel fuhr fort: „Es tut mir leid, doch so ist es. Und Sie werden…“
Da bäumte sich der Alte auf und schrie mit einer gottgleichen, bodenerzitternden Stimme: „ICH LASS MIR GAR NICHTS BEFEHLEN! ICH BIN SCHLIEẞLICH DAS ALPHA UND OMEGA!“
„Mein Herr, dessen sind wir uns bewusst. Doch jedes Wesen unterliegt Samsara – dem natürlichen Lauf des Wandels; auch Ihr“, versuchte ihn der Engel zu beschwichtigen.
„Ich…“, begann er.
„Ihr, der Ihr doch nahezu allwissend seid, seid Euch dem sicher bewusst“, fügte der Engel hinzu.
„Ja aber… aber ich bin noch nicht fertig“, sagte der Alte mit zittriger Stimme.
„Daran können wir nichts ändern. Dies lag stets nur in Eurer Hand.“
„Aber, es fehlt nicht mehr viel. Ich brauche nur etwas mehr Zeit“, versuchte er zu verhandeln.
„Als könnten wir den Fluss der Zeit verändern. Dies obliegt allein Samsara“, erwiderte der Engel.
„Wenn ich sie nicht fertigstelle, dann…“, begann der Alte und schaute zu seiner alten Freundin. Sie schaute traurig zurück und sagte: „Es tut mir leid, aber du weißt, ich bin nicht für deine Sphären verantwortlich.“
„Es ist Zeit. Kommt, mein Herr“, sagte der Engel und streckte ihm die Hand entgegen. Der Alte zögerte.
„Dann kann ich nur beten, dass es sich von selbst zum Guten vollendet.“
Er faltete seine Hände zusammen und schloss kurz die Augen. Eine Träne huschte über sein Gesicht.
„Nun gut, meine alte Freundin. Auf kein so baldiges Wiedersehen“, sagte er und nahm die Hand des Engels. Augenblicklich transzendierte der Engel mitsamt dem Alten in einem hellen Lichtblitz davon.

Der Gott des Todes und die vier Törichten – Das hässliche Angebot

Es war einmal in einer weit entfernten Zeit. Man hatte es geschafft, alle Krankheiten zu heilen. Ebenfalls musste niemand mehr aufgrund des Alters sterben. Es begab sich nun, dass sich vier Törichte trafen und über die alten Götter diskutierten.
„Ja, dem kann ich nur beipflichten. Den Gott des Todes haben wir endlich besiegt“, sagte einer.
„Ja welch ein überflüssiger Tropf“, sagte ein anderer.
„Genau, der soll nur kommen, als könnte der uns was.“
Mit diesen Worten ausgesprochen, erschien Katox vor ihnen – der Gott des Todes und der Krankheit. Keiner wich vor ihm zurück. Der erste Törichte maß sich an: „Verschwinde Armseliger. Hier hast du nichts mehr zu suchen.“
„Ist das so?“, lachte Katox. Und mit einem Fingerschnippen schied der erste Törichte dahin. „Mögest du für tausend Jahre auf Erden wandeln, Ungläubiger.“
Die restlichen drei, nun sichtlich eingeschüchtert, baten ihn um Verzeihung.
„Nun, ich bin heute in guter Stimmung. Entweder hole ich euch gleich oder ihr nehmt mein spezielles Angebot an. Fairerweise werde ich es euch näher erläutern. Ich verspreche euch, ich werde euch nicht persönlich holen. Solltet ihr jedoch aus einem anderen Grund dahinscheiden, müsst ihr danach so viel Jahre auf Erden wandeln, wie ihr lebend hier verbracht habt, bevor ihr ins Reich der Toten einkehren dürft.“
Ohne zu zögern, nahmen alle drei das Angebot an.
„Dann auf ein baldiges Wiedersehen, denn dies kann ich euch versichern“, sagte Katox und verschwand.
„Was kann uns jetzt noch geschehen? Das war eine gute Wahl, meine Freunde. Wir können nicht durch Krankheit oder Alter sterben und jetzt kann uns selbst Katox nicht mehr mit seinem Finger töten“, meinte der zweite Törichte. Die anderen pflichteten ihm bei.
„Trotzdem sollten wir Vorsicht walten lassen. Jene die Katox unterschätzen, verlieren schließlich immer“, gab der dritte Törichte zum Besten. Daraufhin trennten sie sich und gingen wieder ihrem gewöhnlichen Alltag nach.

Eines Tages war der zweite Törichte gerade mit seinem fliegenden Vehikel unterwegs. Da erschien plötzlich Katox vor ihm. Der Törichte erschrak fürchterlich, wodurch er die Kontrolle über sein Flugvehikel verlor. Mit einem heftigen Knall stürzte er gegen einen Berg und schied augenblicklich dahin.
Kurz darauf erschien Katox dem dritten Törichten auf dem Markt. Dieser wandte sich vor Angst von ihm ab und begab sich sofort auf den Heimweg. Währenddessen murmelte er: „Ich werde in keiner deiner Fallen tappen.“
Doch die Furcht blieb. Zur Sicherheit schloss er sich in sein Heim ein. Er ließ sich nur das Nötigste bringen und versuchte jede Bewegung zu vermeiden. Es dauerte nicht lange, bis seine Paranoia vollständig Besitz von ihm ergriff. Mit den Worten: „Mich kriegst du nicht, mich kriegst du nicht. Ich trick’s dich aus, hehe. Ich komm dir zuvor“, schnitt er sich selbst die Kehle durch und schied dahin.

Der letzte Törichte ließ sich nicht so leicht beirren. Er hatte einen starken Geist und war weit entfernt von Furcht oder Verrücktheit. Katox ließ ihn sich eine Weile in Sicherheit wiegen, doch es dauerte nicht lange, da erschien er auch ihm. Er weckte ihn zu später Stunde.
„Was willst du Katox? Willst du mich jetzt doch noch holen?“
„Ich sagte bereits, dass werde ich nicht tun und ‚Katox lügt niemals‘. Was wären sonst meine Angebote wert? Doch jenes, was ich euch offerierte, hättet ihr nie wählen sollen.“
„Ach, lass mich schlafen. Du kannst mir nichts, erbärmlicher Gott.“
„Das meinst du. Doch sagte ich nur, ich werde keinen von euch persönlich holen.“
Der letzte Törichte sah ihn verwundert an: „Was willst du damit sagen?“
„Sieh nur, wie friedlich deine Frau hier schläft. Als würde alles gut werden.“
Katox hob seine Hand und mit einem Fingerschnippen schied die Frau des Törichten dahin.
„Was, das kannst du nicht tun!“, schrie der Törichte.
„Welch begrenzter Geist. Wie kann ich nicht tun, was bereits geschehen ist? Nun denn, wollen wir uns deinen Kindern widmen?“
Katox hob erneut die Hand.
„Nein, bitte nicht. Du hast gewonnen.“
„So?“, tat Katox erstaunt. Er senkte seine Hand.
„Du Monster, Scharlatan und Blender.“
„Wenn du mich nur beschimpfen willst, scheinst du ja noch nicht aufgegeben zu haben.“
Der Gott hob erneut seine Hand. Augenblicklich sprang der Törichte aus dem Fenster und fiel in die dunkle Tiefe der Nacht. Als er den Boden erreichte, schied er dahin.

Eine warme Mahlzeit

In einem schmalen Tal nahe des heiligen Berges führte einst ein Reiskoch ein kleines Gasthaus. Eines Tages betrat ein alter Mann mit zerzaustem Bart die warme Stube. Er war wohl schon weit gereist, denn seine Robe war dreckig von Schlamm und hier und da leicht eingerissen. Der Alte ließ sich in einen Stuhl fallen.
„Ich bin am verhungern“, keuchte er.
„Oh ein neuer Gast“, sagte der Koch erfreut.
Darauf meinte der Sohn des Kochs: „Eher ein Schnorrer.“
Er beäugte den Alten argwöhnisch und fragte: „Kannst du überhaupt bezahlen?“
„Ich bin ein armer Pilger. Leider kann ich nichts weiter, als ein Gebet offerieren“, antwortete der Alte.
„Davon können wir schlecht leb…“, begann der Sohn, wurde jedoch sogleich von seinem Vater unterbrochen: „Das ist mehr als ausreichend. Wie wäre es mit einer Reispfanne?“
„Sehr gerne. Ich möchte nicht wählerisch erscheinen“, antwortete der Pilger. Der Koch schnappte sich seinen Sohn und zog ihn mit sich in die Küche. Währenddessen flüsterte er ihm harsch zu: „Du weißt doch, der Gast ist stets König.“
In wenigen Minuten hatte der Koch ein leckere Reispfanne angerichtet. Er reichte dem Pilger die Schüssel und sagte: „Hier, das ist genau das, was du jetzt brauchst. Das gibt dir genügend Kraft für den weiteren Weg.“
Der Pilger bedankte sich. Dann faltete er seine Hände und schloss beide in sein Gebet ein. Erst danach begann er seine Mahlzeit. Als er die Schüssel geleert hatte, bedankte er sich erneut. Da meinte der Vater: „Wir haben zu danken. Es ist immer gut, wenn das Haus unter einem guten Stern steht.“

Einige Wochen später an einem regnerischen Tag bekamen sie von einem ganz besonderen Gast Besuch. Das Gasthaus war menschenleer, als aus heiterem Himmel der König höchstpersönlich eintrat. Seine glänzenden Gewänder ließen die einfache Einrichtung in einem ganz anderen Licht erstrahlen. Der Sohn des Kochs warf sich sofort auf die Knie und bot dem König den besten Platz an.
„Hoho, ich nehme lieber den hier am Fenster. Vielleicht lässt sich ja ein Eichhörnchen blicken“, antwortete der König.
„Sehr wohl“, sagte der Sohn demütig. Dann sprang er zu seinem Vater und erzählte hektisch, welche prächtigen Speisen sie alle auftischen sollten.
„Hast du den König denn gefragt, was er wünscht?“, wollte sein Vater wissen. Etwas verlegen schüttelte der Sohn den Kopf. Flugs ging er zurück und holte das Versäumnis nach, schien darüber aber nicht erfreut zu sein.
„Das geht nicht. Das können wir nicht machen“, sagte er zu seinem Vater.
„Warum denn? Verlangt er Zutaten, die wir nicht besitzen?“, fragte sein Vater.
„Nein, viel schlimmer. Er will nur das einfachste Gericht haben. Das kann nicht sein. Das ist sicher ein Test.“
Daraufhin sagte sein Vater: „Du weißt aber, was ich dir jeden Tag sage?“
Sein Sohn rollte mit den Augen, sagte aber nichts.
„Der Gast ist stets König“, sagte sein Vater. „Also tun wir auch genau das, was er wünscht, egal wer er ist.“
Wenige Minuten später kam der Koch an den Tisch des Königs und reichte ihm eine Schüssel.
„Hier, mein König. Genau wie Sie es sich gewünscht haben.“
„Vielen Dank. Darauf habe ich schon lange gewartet.“
Während der König sein Mahl zu sich nahm, standen Vater und Sohn am Rand und hofften, dass es ihm mundete.
Als der König das letzte Reiskorn verzehrt hatte, legte er seine Stäbchen beiseite und sagte: „Ich bin wirklich erstaunt. Es hat ebenso vorzüglich gemundet wie beim letzten Mal. Jemand der so etwas aus einem einfachen Gericht zaubern kann, muss wahrlich ein Meisterkoch sein.“
„Wie beim letzten Mal?“, fragte der Koch verwundert.
„Oh ja. Damals konnte ich nicht in Münzen zahlen. Deshalb sollt ihr diesmal umso mehr entlohnt werden. Mir würden mehr Menschen wie du in meiner Nähe guttun. Wieso wirst du nicht mein neuer Meisterkoch am Hof? Da wird es dir an nichts fehlen.“
Der Koch und sein Sohn waren völlig überwältigt und wussten zunächst nicht, was sie sagen sollten. Der König schaute sie voller Vorfreude an und ließ ihnen die Zeit, sich wieder zu sammeln. Dann verbeugte sich der Koch und sagte ruhig: „Es ist mir eine große Ehre, mein König. Das möchte ich wirklich betonen. Aber ich muss leider ablehnen.“
Der König riss erstaunt die Augen auf. Der Koch fuhr fort: „Eigentlich bin ich sehr zufrieden, wie alles ist. Wer würde hier sonst die ganzen hungrigen Pilger versorgen? Und jetzt wo uns der König höchstpersönlich beehrt hat, werden wir sicher noch mehr Gäste erwarten.“
Da antwortete der König ebenso ruhig: „Du bist wahrlich ein weiser Mann, aber…“
Der König sprang von seinem Stuhl auf und sagte forsch: „Dann möchte ich wenigstens ein Mal die Woche vorbeikommen und deine Kochkunst genießen.“
Bevor der Koch antworten konnte, fügte der König hinzu: „Keine Angst, ich werde nicht als König auftreten. Ihr werdet mich nicht einmal erkennen. Ich weiß ja, hier ist jeder Gast stets König.“
Ein breites Grinsen huschte über das Gesicht des Königs. Daraufhin schaute er eindringlich in die Runde und sagte: „Das bleibt aber unser Geheimnis.“
Der Koch und sein Sohn sowie die Diener des Königs nickten.

Ein einziges Mal

In einem kleinen unbedeutenden Dorf lebte einst ein Reisbauer. Er besuchte regelmäßig den Tempel und spendete, was ihm möglich war. Er versuchte sich auch stets an die Ratschläge der Mönche zu halten, wenngleich er nicht fehlerlos war.
Als er sich gerade mit einem Freund über den rechten Pfad unterhielt, kam ein Mönch dazu und sagte: „Du meinst also, lediglich weil es heißt, man solle dieses und jenes vermeiden, sei es nicht schlimm, wenn man mal vom Weg abkommt? Da muss ich dich enttäuschen. Natürlich ist niemand perfekt, aber wir sollten dennoch stets versuchen auf dem rechten Weg zu bleiben. Wenn wir davon abkommen, können uns andere dunkle Pfade plötzlich sehr verführerisch erscheinen. Eine einzige falsche Tat kann dich schneller in die Dunkelheit führen, als du ahnst, mein Freund.“
Der Reisbauer zweifelte an den Worten des Mönches.
„Ein kleiner Ausrutscher würde einen schließlich nicht gleich zum Mörder machen“, dachte er sich.

Dieses Jahr war die Reisernte besonders prächtig ausgefallen. Aus diesem Anlass hatte der Reisbauer all seine Freunde in die hiesige Schänke eingeladen. Hier feierte man ausgelassen und stieß mit reichlich Reisbier an.
„Ein kühles Bier genehmige ich mir noch“, sagte der Bauer kühn.
„Hast du nicht schon genug gehabt?“, meinte einer seiner Freunde. Er ließ sich davon jedoch nicht abbringen. Er tat es mit einem „Nur das eine Mal“ ab.
Mit steigendem Mond nahm die Feier langsam ihr Ende und immer mehr Gäste begannen sich zu verabschieden. Dem Bauer war aber noch lange nicht danach. Er wollte weiterfeiern. Er sprang auf und plärrte: „Barde spiel weiter! Ich will tanzen bis zum Morgen.“
Kurzerhand schnappte er sich eine junge Maid und versuchte sie zum Tanzen zu animieren. Ihr war das aber alles andere als recht und stieß ihn von sich. Sichtlich gekränkt lief er an ihr vorbei und klatschte ihr mit der Hand auf den Po. Es folgte eine Ohrfeige und großes Getuschel. Daraufhin kam die Feier endgültig zum Erliegen und binnen kürzester Zeit leerte sich die Schänke. Während sich der Bauer noch die Wange hielt, überredete ihn sein Freund ebenfalls nach Hause zu gehen.

Als sie gerade eine Farm passierten, sagte der Reisbauer plötzlich zu seinem Freund: „Weißt du was? Ich hol mir noch schnell was zu essen. Mein Magen knurrt furchtbar.“
Eine Weile später erschien er wieder aus der Dunkelheit mit einem Huhn in der Hand.
„Woher hast du das?“, wollte sein Freund wissen.
„Von nebenan“, antwortete er trocken.
„Du weißt doch, dass man nichts nehmen soll, was einem nicht gegeben wird.“
„Ist doch bloß ein kleines Hühnchen. Da waren so viele in der Scheune. Das fällt gar nicht auf. Ist ja nur das eine Mal“, versuchte sich der Bauer herauszureden.
„Und was willst du jetzt machen?“, fragte sein Freund.
„Na wir machen hier ein kleines Feuerchen und bereiten uns einen Festschmaus vor.“
Der Reisbauer holte ein Messer hervor und schnitt kurzerhand die Kehle des Vogels durch. Das Bier in seinen Adern hinderte ihn jedoch daran, einen sauberen Schnitt zu ziehen, weshalb das arme Tier nicht sofort starb.
„Jetzt brichst du auch noch das oberste aller Prinzipien! Damit will ich nichts zu tun haben!“, empörte sich sein Freund und ging alleine weiter.
Der Reisbauer ließ ihn ziehen und legte das Huhn beiseite. Dann versuchte er ein Feuer zu entzünden.
„Ich weiß gar nicht, was die alle haben. Zuerst diese arrogante Ziege und dann spielt der sich noch wie ein Prediger vom Tempel auf. Ist doch nur das eine Mal.“
Während er weiter vor sich hin murmelte, merkte er nicht, wie das sterbende Tier seine Chance zur Flucht erkannte und panisch davonrannte. Zu allem Überfluss entfaltete das Bier endgültig seine volle Wirkung und ließ ihn in einen tiefen Schlaf fallen.

Als er von der Mittagssonne wachgekitzelt wurde, fand er sich in einer makaberen Szene wieder. Er lag inmitten einer Blutlache; auf der einen Seite ein Bierkrug, auf der anderen ein blutverschmiertes Messer. Von dort ausgehend erstreckte sich ein blutiger Pfad mehrere dutzend Meter lang bis hin zum nahegelegenen See.

Auch wenn der Reisbauer sich sogleich bei dem betroffenen Farmer entschuldigte, war der Spott doch groß. Die Geschichte machte schnell die Runde und bald war er in der ganzen Gegend als „Hühnerschreck“ bekannt. Und immer wenn ihn jemand so nannte, erwiderte er: „Das war doch nur das eine Mal.“

Der Mönch und der Dieb

Inspiriert von den zwei buddhistischen Geschichten:
The Abusive Brothers“ aus „Dhammapada Stories“ von Gambhiro Bikkhu
You Cannot Dirty the Sky“ aus „Buddhism Key Stage 2“ von Jing Yin W. Y. Ho

Es war einmal ein alter Mönch. Jeden Tag ging er in ein nahegelegenes Dorf, um für den Tempel Almosen zu sammeln. An einem sonnigen Morgen kam er an einem Taugenichts vorbei. Als dieser den Mönch erblickte, schimpfte dieser sogleich: „Was bettelst du hier? Siehst du nicht, dass es uns schon schlecht genug geht. Hier gibt es nichts zu holen und überhaupt…“
Es dauerte eine Weile, bis der Taugenichts der Beleidigungen müde wurde. Die ganze Zeit über hatte der Mönch ruhig und gelassen dagestanden. Erst jetzt ergriff er das Wort: „Wenn du einen Gast zu dir nach Hause einlädst und ihm Speise und Trank anbietest, er diese jedoch nicht annimmt und geht. Wem gehört das Angebotene dann?“
Damit hatte der Taugenichts nicht gerechnet. Völlig irritiert schaute er den Alten an und antwortete wie aus einem Reflex: „Mir?“
„So ist es“, sagte der Mönch und führte seine Runde fort.

Auf seinem Weg begegnete der Mönch ebenfalls dem Freund des Taugenichts‘. Der Mönch sah ihm sofort an, dass er mit Dieben gemeinsame Sache machte. Dennoch fragte er ihn, ob er für den Tempel spenden wolle.
„Was fragst du mich, Lumpenträger? Soll ich dir die Kehle durchschneiden?“, antwortete der Dieb erbost.
„Jeder hat stets die Chance Gutes zu tun, egal wie finster seine Vergangenheit ist“, sagte der Mönch gelassen.
„Ich hasse es, mich zu wiederholen, Taube Nuss. Wenn du nicht gleich verschwindest… hey, warte mal. Du sammelst doch Geld. Gib’s her oder sterb.“
„Du bist kein Mörder, nicht wahr? Das kann ich sehen.“
Das war der Dieb wahrlich nicht. Dafür hatte er nicht den Mut. Doch dies hinderte ihn nicht daran, auf den Mönch einzuschlagen und ihm den Almosenbeutel aus den Händen zu reißen. Während sich der Mönch wieder aufrappelte, rief er dem flüchtenden Dieb hinterher: „Das wird dir viel mehr Schmerzen bereiten als mir. Kehr um, solange du noch kannst!“
Der Dieb ignorierte die Worte des Mönches und rannte davon. Der Lärm der Auseinandersetzung hatte die Leute des Dorfes jedoch bereits alarmiert. Diejenigen, die Zeuge des Überfalls gewesen waren, eilten dem Dieb sogleich hinterher. Es war nur eine Frage der Zeit, bis sie ihn eingeholt und umzingelt hatten. Der Dieb zückte ein Messer und versuchte sich den Weg freizukämpfen; doch ohne Erfolg. Als er von einer Mistgabel erwischt wurde, ließ er seine Beute fallen. Die Dorfbewohner wollten ihm gerade den Garaus machen, da drang die Stimme des Mönches zu ihnen: „Haltet ein. So hat doch jeder das Recht auf Leben.“
Auf Geheiß des Mönches knebelten sie den Dieb und brachten ihn zurück zum Dorf. Zudem bestand der Mönch darauf, den Dieb im Tempel zu verarzten. Etwas widerwillig gaben die Dorfbewohner dem ungewöhnlichen Wunsch nach.

Es dauerte einige Tage bis die Wunde vollends geheilt war. Der Dieb verstand nicht, warum der Mönch all dies tat und fragte ihn danach. Darauf antwortete der Mönch: „Siehst du nun ein, dass wenn du andere verletzt, dir selbst viel mehr schadest? Wenn ich nicht gewesen wäre, wärst du womöglich auf qualvolle Weise gestorben. Und selbst wenn nicht. Du kannst mir nicht erzählen, dass dein Gewissen frei von Schuld ist, auch wenn du versuchst sie mit Wut zu überdecken.“
Nach einer kurzen Pause setzte der Mönch erneut an: „Und du glaubst doch nicht, dass du ohne Strafe davonkommst. Du wirst uns helfen den Tempel sauber zu halten. Sagen wir, für drei Monate.“
Der Dieb setzte sich verwundert auf und meinte: „Und was hindert mich daran zu gehen?“
„Du bekommst hier Essen, eine Unterkunft und Beschäftigung. Ist das wirklich so furchtbar? Ich halte dich für klug genug, nicht noch einmal das Risiko einzugehen, auf dem Pfad des abtrünnigen Karmas zu wandeln.“
Mit einem Mal begriff der Dieb, was ihm der Mönch die ganze Zeit versucht hatte, zu sagen. Dann meinte er: „Nur eine Frage hab ich noch. Warum ist dir das so wichtig? Warum hilfst du jemandem wie mir?“
Da antwortete der Mönch: „Ich erwähne es immer wieder gerne. Jeder hat stets die Chance Gutes zu tun, egal wie finster seine Vergangenheit ist.“

Am nächsten Tag begab sich der ehemalige Dieb ins Dorf und erzählte seinem Freund, was passiert war. Schnell hatte er ihn überzeugt, sich ebenfalls dem Tempel anzuschließen.
Nachdem die drei Monate vorüber waren, beschlossen die zwei Freunde weiterhin dem Tempel zu dienen und den Weg des Mönches zu bestreiten. Hier lebten sie fortan zufriedener, als sie es je zuvor in ihrem Leben getan hatten.