Der ungeduldige Schüler

In einem alten, längst vergessenem Kloster lebte einst ein junger Schüler. Seine Auffassungsgabe übertraf die aller anderen. Dies kam ihm jedoch des öfteren in die Quere. Wenn er seine Aufgaben als Erster erledigt hatte, vertrieb er sich meist die Zeit damit, Streiche auszuhecken. Einmal hatte er ein dutzend Fliegen eingefangen und diese unter dem Trinkbecher seines Lehrers versteckt. Als der alte Mönch etwas trinken wollte, hatte sich dieser zunächst sehr erschrocken. Dann hatte er kurz gekichert und gemeint, solche Possen könnte er nicht dulden. Mit der Strafe bewies der alte Mönch seinen ganz eigenen Humor: Als Wiedergutmachung musste der Schüler die Hälfte seiner Mahlzeit mit den gefangenen Fliegen teilen.

Eines Tages in der Kalligraphiestunde trat der alte Mönch an den kleinen Unruhestifter heran. Dieser schien mit seinem Text bereits fertig zu sein und über etwas nachzudenken. Da sagte der Mönch: „Was soll ich nur mit dir machen?“
Der Schüler schaute ihn fragend an. Der Mönch fuhr fort: „Du kannst zwar sehr aufmerksam sein, wenn du willst, aber warum nutzt du deine Zeit nicht richtig? Ich habe das Gefühl, dir fehlt es an Entschlossenheit. Vielleicht solltest du die Grundlagen der Zen-Meditation noch einmal lesen.“
„Aber die habe ich doch schon zweimal gelesen“, beschwerte sich der Schüler sogleich.
„Wohl aber noch nicht verstanden,“ erwiderte der Mönch. Da sprang der ungeduldige Schüler auf: „Dann fragt mich ab. Testet mich doch!“
Zum Erstaunen der anderen antwortete der Mönch: „Nun gut, ich werde dich prüfen. Wenn du erfolgreich bist, darfst du persönlich mit dem Klostermeister sprechen.“
Der Schüler strahlte.
„Komm mit“, sagte der Mönch. Freudig ging der Schüler an seinen Kameraden vorbei und folgte dem Mönch. Draußen auf dem Übungsplatz blieb dieser stehen und machte eine einladende Geste: „Setz dich hier auf dein Zafu und meditiere, bis der Meister kommt. Wenn er dich dabei erwischt, wie du faxen machst, dann wirst du niemals von ihm unterwiesen werden.“
Selbstsicher setzte sich der Schüler auf sein Sitzkissen. Daraufhin ließ ihn der Mönch alleine.

Am Anfang war alles wie gehabt. Schließlich hatte der Schüler schon etwas Übung im Meditieren. Doch es dauerte nicht lange, da hatte er seine übliche Zeit überschritten und seine Beine wurden unruhig. Er änderte die Position, aber kurz darauf wurde es nur schlimmer. Er wechselte die Beine mehrmals, doch es half alles nichts. Er schaute sich kurz um, um sich in Sicherheit wiegen zu können. Dann streckte er seine Beine und entspannte sie für eine Weile, bis er die Meditation fortsetzte. Zum Glück rechtzeitig genug, denn schon kam der Mönch vorbei und fragte: „Und, war der Meister bereits da?“
„Nein noch nicht“, antwortete der Schüler. Der Mönch druckste leise und verschwand wieder.

Bevor sich die Beine des Schülers wieder bemerkbar machen konnten, kam ein anderer Störenfried ins Spiel. Die Sonne folgte ihrer Bahn und vertrieb die kühlenden Schatten vom Platz. Die aufkommende Hitze ließ Schweißperlen über die Stirn des Schülers rinnen. Auch wenn er nicht so leicht aufgeben wollte, musste er dennoch seinem Ärger Luft machen: „Ganz toll. Jetzt bekomme ich auch noch Sonnenbrand und den Alten freut’s.“
Wie gerufen, kam der Mönch vorbei, um nach seinem Schüler zu sehen: „Und, war der Meister bereits da?“
„Nein, immer noch nicht“, klagte der Schüler. Der Mönch verbarg das Gesicht in seiner Kutte und druckste erneut, bevor er wieder verschwand.

Die Sonne sollte nicht der einzige Störenfried bleiben. Von der Wärme angezogen, flogen unzählige Fliegen herbei und ließen sich auf den heißen Steinplatten des Platzes nieder. Immer wieder schwirrten neue heran und zischten am Kopf des Schülers vorbei. Er versuchte sie mit sachten Handbewegungen zu vertreiben, doch es half nicht viel. Bald schon bemerkten die kleinen Unruhestifter, dass der Schüler noch mehr Hitze ausstrahlte. Wie abgesprochen, begannen sie auf ihm zu landen; seinen Beinen, seinen Armen, selbst auf seinem Gesicht. Wütend scheuchte er sie fort.
„Wie soll ich so ruhig bleiben und meditieren? Und wie lange soll ich eigentlich noch warten?“, schimpfte er vor sich hin. So verging einige Zeit, bis die Sonne die Abendruhe einleitete und die Schatten wieder die Überhand gewannen.

Erst im Abendrot ließ sich der alte Mönch wieder blicken. Der junge Schüler wollte schon erleichtert aufstehen, da wurde er gefragt: „Na, war der Meister bereits da?“
„Nein, war er nicht!“, schimpfte der Schüler. Der alte Mönch kicherte.
„Dann musst du wohl noch länger warten.“
Er wandte sich von seinem Schüler ab und wollte wieder gehen. Dieser fühlte sich jedoch ungerecht behandelt und rief ihm hinterer: „Aber meine Beine tun weh und es ist bald Nacht. Ihr könnt doch nicht erwarten, dass ich bei der Kälte draußen bleibe. Was ist das für eine blöde Prüfung?“
„Du gibst also auf?“, fragte der Mönch. Der Schüler sprang auf: „Ja, ihr wollt euch ohnehin nur über mich lustig machen.“
„Keineswegs“, antwortete der Mönch.
„Warum gebt ihr mir dann keine faire Chance?“, fragte der Schüler.
„Das tat ich. Du musst nur noch viel lernen.“
Erbost ging der Schüler an seinem Lehrer vorbei. Dieser fuhr fort: „Deine Augen sind nicht nur zum Sehen da, sondern auch zum Erkennen. Der Meister war bereits zugegen.“
Da hielt der Schüler inne: „Was wollt ihr damit sagen? Hat er sich hinterm Schilf versteckt?“
„Nahe dran. Er war fast von Anfang an da.“
Der Schüler schaute verdutzt. Der Mönch kicherte erneut und setzte wieder an: „Zuerst kam der Meister der Unruhe, dann Meister Sonne und zum Schluss Meister Fliege. Du könntest viel von ihnen lernen, wenn du richtig zusehen und zuhören würdest. Für heute hast du deine Chance verpasst.“
Der Schüler brauchte eine Weile, um die Worte in voller Gänze zu verstehen. Dann warf er sich dem Mönch vor die Füße.
„Ihr habt recht. Es tut mir leid. Ich sollte jede Gelegenheit nutzen, um zu lernen. Ich verspreche, dass ich dies fortan beherzigen werde.“

Jahrzehnte später erkannte der Schüler den Meister in sich selbst und leitete das Kloster mit weiser und gutmütiger Hand.

Der Schöpfungsmythos der Zwerglinge, ihrer Götter und dem Leben selbst

Am Anfang war kein Wort, sondern das stille Alpha. Es war jedoch von sich selbst sehr gelangweilt. Drum erschuf es mit einer gewaltigen Explosion die Welt. Für Äonen verfolgte es interessiert, wie Sterne entstanden und wieder vergingen. Doch irgendwann hatte es den Tanz jedes Sterns und jedes Komets bewundert und die verschiedensten Planeten bereist. Es hatte sich schlicht sattgesehen. Zudem konnte es all dies mit niemandem teilen. Erst jetzt bemerkte es, wie einsam es eigentlich war. Aus tiefster Einsicht entschied es sich, mit Kraft seiner Allmacht sich selbst in fünf persönliche Götter aufzuspalten:
Sibella, Zion, Elfrik, Habron und der Namenlose Narr.

Sibelle pflanzte den Keim des Lebens. Die Schönheit dessen erfüllte alle mit Glück.

Doch das Leben jagte ziellos in den Tag hinein. Niemand fragte nach dem Wie und Warum.
Drum brachte Zion das Geschenk des Wissens und der Magie. Damit erhoben sich die Zwerglinge und schieden sich von den Tieren ab.

Die Zwerglinge waren so eifrig, dass sie nie die Zeit fanden, sich an sich und dem Leben selbst zu erfreuen.
So verlieh Elfrik den Zwerglingen den Ausgleich der Müßigkeit und die Fähigkeit zu träumen.

Doch es dauerte nicht lange, da fühlten sich die Tiere zurückgedrängt. Sie wurden aggressiver und gefährlicher und bald schon wurden die Zwerglinge von Monstern und Dämonen heimgesucht.
Zum Schutz gab Habron den Zwerglingen die Kraft und den Kampfgeist, sich in der neuen Welt zu verteidigen.

Mit Wohlwollen betrachteten die Götter ihr Werk und die stetige Entwicklung der Zwerglinge; bis auf den Narren. Auch wenn ihre Schöpfung noch viel lernen musste, kam für den Narren schnell Langeweile auf. Für seinen Geschmack war alles einfach zu perfekt. Wenn sich daran etwas ändern sollte, müsste er es wohl selbst in die Hand nehmen.
Drum stieg er zu den Zwerglingen hinab.
„Ihr habt ein tolles Leben hier, ohne Frage. Ihr könnt essen, wie viel ihr wollt und wisst euch zu verteidigen. Dennoch gibt es viel mehr, als euch die Götter geschenkt haben und ihr euch überhaupt vorstellen könnt. Schaut einmal, was ich hier habe.“
In seiner Hand glitzerte ein lupenreiner Diamant. Das Funkeln zog die Zwerglinge sofort in seinen Bann.
„Wo gibt es mehr davon?“, wollten sie sogleich wissen.
„Ich kann es euch zeigen. Hier nahe den Bergen.“
„Aber in den Bergen leben doch die Dämonen.“
„Nur wer die Gefahr sucht, kann auch erfolgreich sein“, machte ihnen der Narr weis.
Und so brachte der Narr den Zwerglingen die Torheit.

Die anderen Götter waren von dieser Schandtat alles andere als angetan; besonders Zion als Göttin des Wissens nicht. Deshalb rief sie alle Götter zusammen, um zu beraten, was sie gegen den Narren unternehmen sollten. Denn wer weiß, was dieser als nächstes aushecken würde. Die ganze Nacht diskutierten sie über ihre Möglichkeiten. Am Ende hatten sie einen Plan geschmiedet, der seines Gleichen sucht.
Mit dem ersten Sonnenstrahl ließen sie dem Narren eine Botschaft zukommen. Unter dem Vorwand der Versöhnung luden sie ihn zu einer Feier ein. Das wollte er sich nicht entgehen lassen und war in Kürze herbeigeeilt. Als Friedensbund stieß man mit Elfriks Wein an. Bereits der erste Schluck benebelte den Geist des Narren. Habron zog sogleich seinen Hammer und zerschmetterte dessen Körper. Sibella wies den Baum des Lebens an, den Narren mit Dornenranken zu umschlingen. Sie sollten sein ewiges Gefängnis sein. Zion nahm ihr linkes Auge und setzte es auf einer Blüte des Lebensbaumes ab. Es war das Opfer für den unverzeihlichsten aller Zauber. Die Formel war schnell ausgesprochen, wodurch sich ein magisches Band zwischen ihrem Auge und dem Narren bildete. Dieser Fluch zwang den Narren fortan jede Sekunde wie tausend Jahre erleben zu müssen. Die ewige Langeweile sollte seine Strafe sein.
Das Werk der Götter war vollendet. Niemand würde mehr die Zwerglinge zu Missetaten verleiten oder sie ins Unglück stürzen können. Zufrieden gingen die Götter ihrer Wege und herrschten wie bisher über ihre jeweilige Domäne.

Unzählige Monde vergingen, bis die Götter bemerkten, dass etwas mit ihrer Schöpfung nicht stimmte. Das Leben breitete sich unkontrolliert aus und der Platz wurde immer rarer. Zion hatte eine Ahnung, was das Problem sein könnte.
„Irgendwie fehlt das Ende“, meinte sie. Doch als unsterbliche Götter konnten sie es nicht erfassen und wussten sich keinen Rat. Vielleicht brauchten sie einen verrückten Geist, der abseits von allem Wahren und Guten steht. Dieser Gedanke ließ Zion erkennen, dass der Narr nicht ohne Grund existierte. Möglicherweise konnte bloß er ihnen helfen.
Zusammen suchten sie das Gefängnis des Narren auf. Zion brach den unverzeihlichen Zauber und schilderte ihm ihr Problem. Der Narr antwortete daraufhin: „Wegen euch habe ich eine Ewigkeit erlebt. Zunächst war sie mit vollkommener Langeweile gefüllt gewesen. Doch bald hatte ich gemerkt, dass es mehr als nur die gewöhnlichen Ebenen der Existenz gibt. Ich habe gesehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie alles beginnt und endet. Das Alpha und Omega. Lasst mich frei und ich helfe euch.“
Die Götter schauten sich unentschlossen an. Aber Zion war von Vornherein bewusst gewesen, dass es am Ende darauf hinauslaufen würde.
„Solange du dich an die Abmachung hältst“, antwortete sie. Dann wandte sie sich Sibella zu: „Lass ihn frei.“
Im Nu schlängelte sich das Dornengefängnis davon. Der Narr streckte und reckte sich und ließ sich dabei unnötig lange Zeit, nur um die anderen Götter auf die Folter zu spannen. Dann sprach er: „Nun denn, ihr braucht das, was ihr euch nicht vorzustellen vermögt. Im Gegensatz zu Göttern darf Leben keine Ewigkeit kennen. Daher braucht es das Ende; namentlich den Tod.“
Die Götter begriffen zunächst nicht, was er meinte. Selbst Zion war dieses Konzept neu: „Wohin sollen Sie am Ende gehen?“
Er antwortete: „In mein persönliches Reich. Ins Reich der Toten. Dies wird selbst euch verwehrt bleiben.“
„Ich verstehe nicht, wie dies …“
„Es wird nicht den Regeln der gewöhnlichen Welt folgen, denn es existiert außerhalb davon. Ihr müsst es nicht verstehen, ihr müsst mir lediglich vertrauen.“
Er sprach mit solch einer Weisheit, dass ihm die Götter Glauben schenkten und sich respektvoll vor ihm verbeugten.
Und so wurde der Narr zum Verwalter über das Gleichgewicht des Lebens und war fortan bekannt als Katox der Gott des Todes.

Die Feier ohne Segen

Es war einmal ein junger Bauer, der den Göttern kaum huldigte. Er meinte stets, er könne alles aus eigener Kraft erreichen. Drum war er fleißig und half auch gerne bei der Feldarbeit. Da die Ernte dieses Jahr gut ausgefallen war, wollte das Dorf ein Fest feiern, um Sibella – der Göttin der Fruchtbarkeit – zu danken. Dieses sollte am Hof des jungen Mannes stattfinden.

In wenigen Tagen hatte man alles Nötige arrangiert und das fröhliche Treiben konnte beginnen. Es wurde reichlich Met verteilt, getanzt und gelacht. Die heitere Feier sollte jedoch nicht lange währen. Kräftige Windböen bliesen eifrig Wolken herbei und der Himmel verdunkelte sich zusehends. Regen schoss gen Boden und trieb die Gäste in die große Scheune. Der junge Mann war bekannt für sein achtloses Handeln mit den Göttern. Deshalb wurde er sogleich gefragte, ob er Sibellas Segen eingeholt hatte. Er versicherte ihnen, dass er dies getan hatte. Schließlich feierten sie ihr zu Ehren ein Fest: „Die Mönche im Tempel haben mir sogar versichert, dass das Wetter sonnig und klar werden soll.“
Murmeln raunte durch die Scheune. Da kam einem eine Idee: „Du hast doch nicht etwa Elfrik vergessen, den Gott des Feierns?“
„Du scherzt wohl, armer Tropf. Sibella ist die Göttin des Wetters und nicht Elfrik“, erwiderte der junge Mann.
Das Gewitter war schnell vergessen und so feierte man fröhlich und vergnügt in der Scheune weiter. Es wurde wieder reichlich Met ausgeschenkt und der ein oder andere trank über den Durst hinaus; ebenso der junge Mann. Drum war es kein Wunder, dass es alsbald zum Streit zwischen ihm und einem gläubigen Lehrer kam. Sekunden später artete dieser in einer Keilerei aus. Das Met in seinen Adern schwächte den jungen Mann so sehr, dass er selbst gegen den betagten Lehrmeister alt aussah. Als er, von der Faust des Lehrers getroffen, zu Boden fiel, lachte die Menge laut auf.
„Jättest mal lieber um Elfriks Seschen jebeten“, warf ihm ein Mann mit roter Nase an den Kopf.
„Pah, Habron ist der Gott des Kampfes und nicht Elfrik,“ versuchte er sich zu verteidigen.
Um von seinem Fauxpas abzulenken, zog der junge Mann die Vorstellung des Zauberers vor. Dieser beeindruckte die Gäste mit allerlei Tricks und Illusionen. Vor allem die hin und her zuckenden Blitze brachten die Menge zum Staunen.
Doch mit einem Mal – niemand weiß genau warum – entzog sich die Magie der Kontrolle des Zauberers. Feuerbälle flogen wild umher und schnell stand die Scheune in Flammen. Die Leute rannten um ihr Leben. Zum Glück schafften es alle unverletzt nach draußen. Doch trotz des Regens brannte die Scheune unbeirrt weiter. Hilflos musste der junge Mann mitansehen, wie das Gebäude in großem Funkenflug in sich zusammenstürzte.
„Hättest du mal zu Elfrik gebetet“, tadelte ihn ein kleiner Bub.
„Aber… aber Zion ist doch die Göttin der Zauberei“, stammelte der junge Mann. So hatte die Feier ein trauriges Ende genommen und die Gäste eilten nach Hause.

In den nächsten Tagen blieb der junge Mann im Bett, denn er fühlte sich nicht besonders gut. Der Arzt, der ihn besuchte, vermutete, dass es wohl an dem Wetter und dem übermäßigen Met lag. Was er sich jedoch genau eingefangen hatte, konnte er ihm nicht mit Sicherheit sagen. Seine Frau setzte sich zu ihm ans Bett und sagte: „Willst du nicht zu Elfrik beten?“
Mit schwacher Stimme antwortete er: „Ich dachte, Katox ist der Gott über Tod und Krankheit.“
„Wenn du es schon nicht aus Überzeugung tun willst, dann tue es wenigstens für mich.“
Und so faltete der junge Mann seine Hände zusammen und betete das erste Mal in seinem Leben zu Elfrik – dem Gott der Müßigkeit, des Feierns und Herr über unsere Träume. Im nächsten Moment schloss er seine Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als er wieder aufwachte, fühlte er sich, als könnte er Bäume ausreißen. Er sprang aus dem Bett und eilte nach draußen. Die Sonne lachte ihm sogleich entgegen. Das rege Treiben auf seinem Hof lies sein Herz noch höher Schlagen. Viele der Dorfbewohner hatten sich zusammengefunden und waren gerade damit beschäftigt die Grundpfeiler für eine neue Scheune aufzurichten. Sofort begrüßte er die vielen Helfer und bat sie um Verzeihung für die misslungene Feier. Sie winkten ab: „Ist ja zum Glück niemand verletzt wurden.“
„Und hoffentlich wird dir dies eine Lehre sein“, fügte ein Mann mit roter Nase hinzu. Daraufhin packte der junge Mann mit an und zusammen bauten sie die Scheune noch größer und prächtiger als zuvor wieder auf.
Als sie fertiggestellt war, wollte man sie mit einer neuen Feier einweihen. Dieses Mal bat der junge Mann im Voraus um Elfriks Segen. Anschließend feierte man vergnügt bis tief in die Nacht hinein, ohne dass auch nur ein einziger unzufriedener Gast nach Hause ging.

Der heimliche Beobachter

Angelehnt an die buddhistische Geschichte über Stehlen aus „Buddhism Key Stage One“ von Jing Yin Ken Hudson.

Einst zogen ein Vater und sein Sohn als fahrende Händler durchs Land. Der Winter brach an und die Geschäfte liefen entsprechend schlecht. Niemand konnte es sich in solchen Zeiten leisten teure Ware zu kaufen, auch wenn sie von besonders guter Qualität war. Der Tag kam, an dem sie sich die letzte warme Mahlzeit gönnten und ihr Geldbeutel keine einzige Goldunze mehr aufwies.
Seinen eigenen Hunger würde der Vater verdrängen können, den seines Sohnes jedoch nicht. So sah er sich gezwungen, in die Scheune des nahegelegenen Bauernhofes einzusteigen und Kartoffeln zu stibitzen. Trotz des Hungers beklagte sein Sohn: „Ich dachte immer, wir sollen nichts nehmen, was uns nicht gegeben wird?“
„Es heißt aber auch, wir sollen es nur vermeiden zu stehlen. Nicht dass man es unter keinen Umständen tun soll“, versuchte sich sein Vater zu erklären. „In manchen Situationen muss man die Konsequenzen abwägen und manchmal hat man nur die Wahl zwischen einer bösen und einer sehr bösen Tat.“
Mit diesen Worten sein eigenes Gewissen beruhigt, packte er sich einen Sack voll mit Kartoffeln. Dabei vergaß er, dass manchmal nur ein einziges Mal ausreicht, um sich eine neue Angewohnheit anzueignen. So stahl man auch ein zweites und ein drittes Mal und fand immer wieder einen neuen Grund, wenn der vorangegangene ausgedient hatte. Nach einiger Zeit war ihr Geldbeutel wieder gut gefüllt, doch die Angewohnheit blieb.

Eines Nachts, es war Frühlingsbeginn und der Himmel wolkenklar, da schlichen sich der Vater und sein Sohn auf ein Kartoffelfeld. Der Vater füllte gerade den Jutesack bis oben hin, da flüsterte ihm sein Sohn zu: „Papa, ich glaube, wir werden beobachtet.“
Der Vater zuckte erschrocken zusammen und ließ den Sack fallen. Ein dutzend Kartoffeln kullerten über den Boden. Völlig panisch schaute er sich um, konnte aber niemanden entdecken.
„Da schau“, sagte der Junge und zeigte in den Himmel. „Der Mann im Mond.“
Sein Vater gab ein tiefes, erleichtertes Seufzen von sich. Er hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch der Gedanke jemand schaue ihm tatsächlich beim Stehlen zu, löste große Scham in ihm aus. Was tat er da eigentlich, fragte er sich. Mit einem Mal erkannte er seine sündige Tat. Ihm wurde augenblicklich klar, dass selbst wenn er unentdeckt stahl, dies keinesfalls ohne Konsequenzen blieb.
Daraufhin besuchte er jeden von ihm einst heimgesuchten Bauernhof und zahlte jede gestohlene Kartoffel zurück. Auf diese Weise hoffte er auch, das durch ihn hervorgerufene Misstrauen wieder gutzumachen.

Seit jenem Frühling hat der Vater nie wieder darüber nachgedacht etwas zu stehlen und wenn man ihn diesbezüglich fragt, antwortet er gerne: „Wir sollten nie vergessen, dass unser Handeln immer beobachtet wird. Selbst wenn der Mann im Mond gerade blinzelt, es gibt immer jemanden, der zuschaut und das sind wir selbst.“

Der Gott des Todes und die fünf Törichten – Wünsche

Fünf Törichte besuchten den Schrein Katox‘ – Gott des Todes und der Krankheit. Es waren eine alte, kranke Frau, ihre zwei Söhne und ihre zwei Töchter. Sie traten vor den Schrein und baten den Gott, die Krankheit der Mutter zu heilen. Doch nichts geschah. Wütend darüber beschimpften sie Katox und verglichen ihn mit dem faulen Elfrik – Gott der Müßigkeit und des Feierns. Da erschien er plötzlich vor ihnen – der Gott des Todes. Erschrocken wichen sie zurück.
„So so. Ich soll also das bisschen Fieber und Husten heilen? Wollt ihr meine Zeit stehlen mit solchen Lappalien? Willst du sehen, was es heißt, wirklich krank zu sein?“
Katox schnippte mit den Fingern und und die alte Frau begann Blut zu husten.
„Nun zu euch vieren. Habt sie weit begleitet und auf ihrem Weg gestützt. Ihr habt Glück, heute bin ich guter Dinge. Wünscht euch etwas und es wird geschehen. Zumindest solange es in meiner Macht steht. Will mich ja nicht in die Dinge anderer Götter einmischen.“
Dann wandte er sich dem jüngeren Sohn zu.
„Nun denn Dickwanst, was wünschst du dir?“
„Ich will so schlank sein wie mein Bruder.“
Katox schnippte mit den Fingern und der beleibte Törichte übergab sich sogleich. Dann wandte sich Katox dem älteren Sohn zu.
„Nun denn Bohnenstange, was wünschst du dir?“
Er überlegte nicht lange: „Ich will so stark sein wie ein Ochse.“
Katox schnippte mit den Fingern und dem schwächlichen Törichten schossen Hörner aus der Stirn. Dann wandte sich Katox der jüngeren Tochter zu.
„Nun denn hübsches Kind, was wünschst du dir?“
„Hah, ich fall nicht auf deine Spielchen rein. Ich wünsche mir ewige Schönheit.“
Katox lächelte: „So sei es.“
Er schnippte mit den Fingern und die Tochter schied dahin.
„Mögest du ewig in deiner jetzigen Gestalt auf Erden wandeln.“
Dann wandte sich Katox der älteren Tochter zu.
„Nun denn arrogantes Weib, was wünschst du dir?“
„Mich wirst du nicht hinters Licht führen, Katox. Ich wünsche mir, dass ich auch in hundert Jahren noch so lebendig und schön bin wie heute.“
„Oho, eine interessante Wahl.“
Katox schnippte mit den Fingern und nichts geschah. Daraufhin verabschiedete er sich: „Nun denn, auf ein baldiges Wiedersehen, denn dies kann ich euch versichern.“
„Halt“, rief die alte Frau. „Habe ich nicht auch einen Wunsch?“
„Habe ich nie behauptet“, antwortete Katox. „Jeder hat bereits das bekommen, was er verdient. Mehr als ein Geschenk pro Leben wäre doch etwas ungerecht. Es war schließlich niemand bereit, seinen Wunsch für dich zu opfern. Das kannst du schlecht mir anlasten.“
Kaum das letzte Wort ausgesprochen, verflüchtigte sich Katox in Nebelschleier. Schon im nächsten Moment schied die alte Frau dahin. Die ältere Tochter echauffierte sich erbost: „Ihr seid selber Schuld! Hättet ihr unserer Mutter lieber Gesundheit gewünscht, als Katox auf den Leim zu gehen.“
Schnell zerstritten sich die drei und gingen getrennte Wege.

Der beleibte Törichte, sich nach jeder Mahlzeit übergebend, nahm rasch ab. Wie er es sich gewünscht hatte, erreichte er in kürzester Zeit das Gewicht seines Bruders. Es gelang ihm allerdings nicht, genug Essen im Magen zu behalten, als dass er dieses Gewicht hätte halten können. So magerte er weiter ab, bis sein Körper derart geschwächt war, dass er dahinschied.
Seinem Bruder sollte es nicht besser ergehen. Dieser wurde freilich so stark wie ein Ochse. Genau so wie er es sich gewünscht hatte. Eines Tages wachte er auf und musste feststellen, dass er sich gänzlich in einen Ochsen verwandelt hatte. Es dauert nicht lange, bis er einem Jäger zum Opfer fiel und auf einem Mittagstisch landete.

Nun war nur noch die arrogante Törichte übrig. Sie dachte, sie hätte Katox überlistet und ließ ihre ewige Jugend feiern. Sie heiratete einen reichen Mann und gebar ihm viele Kinder. Diese wuchsen schnell heran und mit der Zeit wurde ihr Gatte älter und grauer, doch sie veränderte sich nicht. Wie sie es sich gewünscht hatte, blieb sie jung. Es dauerte nicht lange, bis dies den anderen Dorfbewohnern auffiel. Ohne zu zögern, verschrie man sie als Hexe. In der darauffolgenden Nacht brannte man ihr Haus nieder. Ihr Mann und ihre Kinder fielen dem Feuer zum Opfer. Sie blieb jedoch unversehrt. Als sie das brennende Anwesen lebendig verließ, bestärkte dies die Dorfbewohner nur umso mehr. Bloß eine Hexe konnte diesen Flammen entkommen. Bevor das Dorf sie lynchen konnte, stahl sie sich im Schatten der Nacht davon. Ihrer Trauer entkam sie allerdings nicht. Der schmerzliche Verlust war zu groß, um mit ihm leben zu können. Drum stieg sie auf den nächstgelegenen Berg und stürzte sich hinunter. Doch wie sie es sich gewünscht hatte, blieb sie am Leben. Da stand sie nun – verzweifelt, geächtet und verfolgt.
„Katox, ich verfluche dich. Nimm meinen Wunsch zurück!“
Ein kaum wahrnehmbarer Windhauch ließ das Gras erzittern, wie wenn ein Gott vorbeihuscht und schmunzelt. Daraufhin folgte Stille.
So musste sie auf Erden wandeln, lebendig und dennoch im Inneren Tod, bis ihre hundert Jahre vorüber waren. Erst dann kam Katox und holte sie ins Reich der Toten.

Elfriks Segen

Es war einmal ein älterer Mann. Er pries Elfrik – den Gott der Müßigkeit, der Träume und des Feierns – jeden Tag. Er hielt stets alle Dorfbewohner dazu an, Elfrik ebenfalls als wahren Gott anzuerkennen. Denn viele beteten nicht zu ihm. Sie meinten er sei überflüssig und hätte keine große Macht. Um Elfriks Lehren zu verbreiten, bot der Alte jedem seine Hilfe an, der darum bat.

Eines Tages kam ein Freund des Alten vorbei und erzählte ihm von seinem Problem. Vor kurzem hatte er den Wein in seiner Winzerei fertiggestellt. Aufgrund der guten Ernte waren es aber unzählige Fässer geworden. Alle mussten nun nach Verdorbenheit und Geschmacksgüte getestet werden. Sie waren jedoch nur vier Mann und er wusste nicht, wie sie tausend Fässer verkosten sollten. Der Freund bat ihn um mehr Männer oder ein Mittel, was sie vor der Wirkung des Alkohols bewahren würde. Der Alte sagte aber: „Kostet es lediglich und trinkt keinen Tropfen. Betet dabei zu Elfrik und alles wird gut werden.“
Sie folgten seiner Anweisung und blieben auch nach dem tausendsten gekosteten Wein standhaft und klaren Geistes.

An einem anderen Tag suchte ihn sein Enkel auf und bat ihn um Hilfe. Er müsse am nächsten Tag eine Prüfung in Zauberei ablegen und hätte noch nicht viel gelernt. Er fragte ihn, ob er nicht zu Zion – der Göttin der Magie und des Lernens – beten und die ganze Nacht üben solle.
„Was bringt dir eine schlaflose Nacht, wenn dir bei der Prüfung die Augen zufallen? Übe nur so lange, dass du noch genügend Zeit zum Schlafen und Träumen hast. Und bete zu Elfrik, bevor du zu Bett gehst.“
Der Enkel tat, wie ihm geheißen. In der Nacht träumte er von allerlei Zauberei und wachte am nächsten Tag guter Dinge auf. Bei seiner Prüfung gelang ihm plötzlich alles viel besser, als am vorigen Tag. So war es nicht verwunderlich, dass er diese mit Bravour meisterte.

Eines furchtbaren Tages wurde der Alte krank, so dass er von nun an ans Bett gefesselt war. Als ihn seine Familienangehörigen besuchten, wunderten sie sich, warum er nicht Katox – den Gott der Krankheit und des Todes – bat ihn zu heilen?
„Katox würde das nicht gutheißen. Ich bin alt und meine Zeit ist bald gekommen. Würde ich Katox um etwas bitten, würde er mich gleich holen. Drum bete ich lieber zu Elfrik. Er erfüllt mich mit Glück, auch wenn ich nicht mehr arbeiten und nur noch müßig sein kann.“

Mit Elfriks Segen verbrachte der Alte noch viele glückliche Tage, in denen regelmäßig seine Freunde, Kinder und Enkel vorbeischauten. Eines besonders schönen Abends fiel das Rot der Sonne durch die nahegelegenen Weinreben direkt auf sein Bett. Die letzten Strahlen genießend, schlief er friedlich ein.

Das kleine Monster ohne Bestimmung

Es war einmal ein kleines Monster. Verzweifelt suchte es nach seiner Bestimmung. Jeden Tag fragte es sich: Warum ist es hier? Wieso ist es als Monster geboren worden? Und warum jagen es die Zwerglinge Tag und Nacht?
Eines Tages von einer Schar Zwerglingen verfolgt, verließen es die Kräfte. Seine Verfolger kamen immer näher und näher. Kurz bevor sie es eingeholt hatten, entdeckte es eine Höhle. Mit letzter Kraft rettete es sich ins Dunkle. Die Zwerglinge, Angst davor sich in der Dunkelheit zu verlaufen, ließen von dem Monster ab. War es also seine Bestimmung für ewig im Dunkeln zu hausen?

Doch es dauerte nicht lange, da erfanden die Zwerglinge das Feuer. Nun hatten sie keine Angst mehr vor den dunklen Höhlen. Tag und Nacht jagten sie das Monster.
Eines Tages von einer Schar Zwerglingen verfolgt, verließen es die Kräfte. Trotz der weit verzweigten Höhlen und den engen, rutschigen Passagen kamen seine Verfolger immer näher und näher. Diesmal gab es kein Entrinnen. Die Zwerglinge schlugen auf das arme Monster ein. Aber ihre schwachen Waffen konnten seine Haut nicht durchdringen. Vor lauter Furcht flohen die Zwerglinge, so schnell sie konnten. War es also seine Bestimmung furchtlos zu leben?

Lange lebte das Monster ohne Angst. Doch auch dies sollte sich ändern. Es kam der Tag, da entwickelten die Zwerglinge tödliche Waffen. Diese vermochten selbst die Haut des Monsters zu durchdringen. Tag und Nacht jagten sie das Monster.
Eines Tages von einer Schar Zwerglingen verfolgt, verließen es die Kräfte. Seine Verfolger kamen immer näher und näher. Diesmal gab es kein Entrinnen. Die Zwerglinge schlugen auf das arme Monster ein und verletzten es fürchterlich. Angst ließ es erzittern: Musste es jetzt sterben, ohne je seine Bestimmung erfahren zu haben? Doch noch größer als seine Angst blitzte plötzlich Wut in ihm auf. Drum riss es seinen Schlund unvorstellbar weit auf und verschlang mit einem Mal ein halbes Dutzend der Angreifer. Vor lauter Furcht flohen die restlichen Zwerglinge Hals über Kopf.
Und so fand das kleine Monster seine Bestimmung als Monster.

In manchen Abhandlungen der Zwerglinge wird die Geschichte um eine Zeile erweitert, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Wahrscheinlich wurde sie nach Zargons Heldentaten hinzugefügt:

Dann kam Zargon und erschlug das Monster. Denn seine wahre Bestimmung war der Tod.

Der Gott des Todes und die zwei Törichten – Das faire Angebot

Zwei Törichte saßen auf einer Mauer und beklagten den Tod eines Freundes. Mit Schnaps versuchten sie ihre Trauer wegzuspülen. Da dies nicht auszureichen schien, begannen sie Katox den Gott des Todes zu beschimpfen. So war es kein Wunder, dass dieser im nächsten Moment grinsend vor ihnen erschien. Als die zwei Katox erblickten, erschraken sie sich heftig und wären beinahe von der Mauer gefallen. Normalerweise bekommt man den Gott des Todes schließlich nur zu Gesicht, wenn man bereits tot ist. Schnell versuchten sie sich herauszureden, doch Katox vergibt keinen Sterblichen.
„Eure Zeit ist jetzt ebenfalls gekommen“, vermittelte er ihnen. Doch großzügig wie er ist, machte er ihnen ein Angebot: „Ihr könnt wählen, ob ich euch gleich ins Reich der Toten bringen soll oder ob ihr mein spezielles Angebot annehmen wollt.“
Die zwei schauten sich verängstigt und verwundert an. Dann führte Katox aus: „Es ist eigentlich ganz einfach. Für jeden wahren Freund, den ihr besitzt, gebe ich euch ein zusätzliches Jahr, bis ich euch hole. Dafür müsst ihr nach eurem Tod für jeden Feind ein Jahr auf Erden wandeln; bevor ich euch ins Reich der Toten lasse.“
Amüsiert fügte er hinzu: „Wenn ihr bis dahin nicht bereits verrückt geworden seid. Soll ja den friedlichsten Geistern passieren.“
„Nun, was wählst du?“, fragt er den ersten.
„Pah, ich hab so viele Freunde, ich nehm dein spezielles Angebot.“
„Gute Wahl, gute Wahl“, erwiderte Katox.
„Schauen wir einmal, auf wie viele wir kommen. Mhm, eins und mhm,…
Nein ich glaube da hab ich mich verzählt. Ich finde keinen einzigen. Freilich als Staatsman, der du bist, magst du viele Speichellecker haben. Doch keiner würde für dich ins Feuer springen. Nicht einmal deine Frau, die dich, wie wir doch beide wissen, nur des Geldes wegen erduldet. Ja und deine Feinde, oh ja. Eins und zwei,… ja auf Zweihundert kommen wir da bestimmt. Habe einmal grob aufgerundet.“
„Betrüger!“, schimpfte ihn der erste. Und mit einem Fingerschnippen Katox‘ schied dieser augenblicklich dahin.
„Nun, und was wählst du?“, fragte er den zweiten. Dieser überlegte nicht lange und antwortete: „Hol mich jetzt auf der Stelle.“
„Jah, welch eine vortreffliche Wahl“, freute sich Katox erneut. „Ein fleißiger Arbeiter und gutmütiger Familienvater, der du bist. Doch was hilft es dir, wenn dir der Grips fehlt. Viele Jahre hättest du noch unbekümmert leben können, doch jetzt lässt du eine unglückliche Witwe und vier Waisen zurück. Sind wir im Angesicht des Todes doch etwas selbstsüchtig geworden?“
Abermals schnippte Katox mit den Fingern und der zweite Törichte schied dahin.

Der Gott des Todes und der Tor

Ein Tor besuchte einst den Schrein Katox‘ – Gott des Todes und der Krankheit. Er kniete sich vor diesem nieder und bat ihn, er möge ihm ein langes Leben schenken. Augenblicklich erschien Katox vor dem Tor. Dieser griff erschrocken an seine Brust. Nicht nur aus Furcht, sondern auch um sich sicher zu sein, dass er noch am Leben war.
„So so, betest zu mir und bist doch kerngesund. Verhöhnst das Leben, unwissender Tor.“
Der Tor versuchte sich zu erklären, doch Katox duldete es nicht: „Jetzt bringt dich deine Gier ins Reich der Toten.“
Der Tor klammerte sich an den Schrein des Gottes und wimmerte wie ein geschlagener Hund.
„Nun sag mir, wovor fürchtest du dich so? Doch nicht etwa des Schmerzens wegen? Ist er doch in einem Wimpernschlag vorbei. Ich kann dir versichern, er wird nicht schlimmer sein als ein Speer im Leib.“
Der Tor wagte es nicht zu sprechen.
„Sag mir nicht, dass es das Unbekannte ist, was du fürchtest. Dann müsstest du vor jeder Hausecke vor Angst zusammenbrechen. Weiß doch keiner, was der nächste Tag mit sich bringt.“
Der Tor wagte es nicht zu sprechen.
„Was bleibt uns noch, was bleibt uns bloß? Ein selbstsüchtiger Tor, wie du einer bist, hast wohl kaum Angst um Familie oder Freunde. Nein.“
Der Tor wagte es nicht zu sprechen.
„So wimmerst du um Wein, Bier und Heiterkeit? Bei meiner selbst, das kann nicht sein. So geh’n doch Freud und Leid seit jeher nie getrennte Wege.“
Der Tor wagte es nicht zu sprechen.
„Was bleibt uns noch, was bleibt uns bloß? So fürchtest du das Ende selbst? Hast Angst den letzten Gedanken zu erleben? Fürchtest dein Bewusstsein ganz zu verlieren? Dann nicke schnell, sonst hol ich dich.“
Der Tor nickte.
„So willst du nicht ins Reich der Toten? Willst ewig Denken und Erleben? Dann nicke schnell, sonst hol ich dich. Sonst bring ich dich ins Reich der Toten.“
Der Tor nickte.
„Nun denn, so wandle ewig hier auf Erden.“
Katox schnippte mit den Fingern und der Tor schied dahin.

Der Fisch am Haken

Es war einmal ein gewöhnlicher Mann. Er hatte nie an Wunder geglaubt. Doch was sich die nächsten Tage ereignen würde, würde dies ändern. Am Ende eines längeren Arbeitstages kam er nach Hause, ließ sich ohne Umschweife ins Bett sinken und fiel sogleich ins Land der Träume.
Dort traf er seine wundervolle Frau. Zusammen spazierten sie einen Weg entlang, der sich durch das Herz eines großen Waldes schlängelte. Sie erzählten sich, was ihnen gerade in den Sinn kam, lachten und genossen den Spaziergang. Plötzlich sagte sie: „Wenn du mich wiedersehen möchtest, musst du lediglich an mich denken.“
„Das klingt ja, als würdest du gehen wollen“, wunderte er sich. Anstatt etwas zu sagen, lächelte sie nur. Mit einem Mal blieb sein Fuß an einer dicken Wurzel hängen. Er schaute hinunter und riss sie mit aller Kraft aus dem Boden. Als er wieder hochschaute, war die Frau verschwunden. Besorgt folgte er dem Waldweg. Vielleicht versteckte sie sich bloß hinter dem nächsten Baum. Doch bevor er die nächste Abzweigung erreichte, erschien aus dem Unterholz eine kleine Gruppe zwielichtiger Gestalten. Offensichtlich waren es Banditen, denn jeder von ihnen hatte entweder ein Messer oder Dolch in der Hand. Sie lachten den Mann hämisch an. Im nächsten Moment attackierten sie ihn.
In dieser Sekunde wachte er auf. Einerseits war er froh, auf der anderen Seite war er auch etwas enttäuscht. Trotz des aufwühlenden Traumes konnte er recht schnell wieder einschlafen, aber keine Träume folgten mehr in dieser Nacht.

Die Sirene läutete wie jeden Tag die Mittagszeit ein. Gelangweilt schlenderte er zur Essensausgabe. Da erinnerte er sich wieder, was sie im Traum zu ihm gesagt hatte. Er wollte sie unbedingt wieder sehen und so versuchte er sie die ganze Zeit in Gedanken zu behalten bis es schließlich Abend wurde. Er glaubte nicht wirklich, dass es funktionieren würde, doch das tat es.
Im Traum schritt er zunächst einen schmalen Trampelpfad entlang. Alsbald endete dieser an einer kleinen Holzhütte. Ohne darauf zu achten, was sich noch bei der Hütte befand, öffnete er die alte Tür und trat ein. Und tatsächlich, da war sie auf einem Sessel mitten im Raum und wartete nur auf ihn…

Die Träume waren jedes Mal gleich und dennoch genoss er sie immer mehr. Aber umso mehr er sich an ihnen erfreute, desto mehr missfiel ihm der Tag. Den ganzen Tag lang dachte er nur noch an sie. Er dachte, das Einzige, was ihn glücklich machen könnte, wäre sie, obwohl ihm bewusst war, dass er sie nie wieder wirklich treffen wird können. Mit der Zeit wurde es schlimmer. Schnell war er am Tag verärgert und trübsinnig. Er störte sich an allem, was ihm widerfuhr. Nun wollte er nicht mehr warten, bis es Abend wurde. Sobald er von der Arbeit nach Hause kam, legte er sich ins Bett und versuchte einzuschlafen.
Der darauffolgende Traum war anders als die anderen. Als er dieses Mal die Holzhütte erreichte, stand jemand neben der Tür, den er zuvor nie bemerkt hatte. Es war ein alter Mönch. Während er die Tür öffnete, sagte der Mönch: „Weißt du, warum dein Geist gefangen ist wie ein Fisch am Haken?“
Der Mann beachtete den Mönch kaum und trat ein…

Einige Tage später stand er am Bahnhof und wartete auf den Feierabendzug. Da fiel ihm die Frage des Mönches wieder ein und wollte nicht so recht aus seinem Kopf. Zuerst dachte er, es ist klar, dass der Fisch gefangen wird, weil er hungrig ist und nach dem Köder schnappt. Sein Fehler ist also etwas zu essen? Aber wenn er nichts isst, wird er ebenfalls sterben. Also wie sollte ihm das bitte helfen? Plötzlich realisierte der Mann, dass hungrig zu sein etwas ganz Natürliches und nichts Verwerfliches ist. Der Fisch wird nicht wegen dem Köder gefangen, sondern weil er an diesem festhält und nicht mehr loslässt. Da wusste der Mann, dass es nicht mehr nötig war ständig an sie zu denken. Mit dieser Erkenntnis begannen sich seine Gedanken sogleich zu beruhigen und für einen Moment konnte er die Stille sogar genießen.

Wenn er nun ab und an von ihr träumt, kann er sich ohne Bedauern an ihrer Gesellschaft erfreuen. Am Morgen wacht er dann mit einem zufriedenen Lächeln auf und schaut gen Himmel.