Land des Friedens

Ich lebe hier in einem düsteren Hort
Hab aber gehört von dem perfekten Ort
So mach ich mich dahin auf
Klettere einen steilen Berg hinauf
Sehe von weiten das blühende Land
Da nimmt mich der Wind an die Hand
Führt mich durch ein goldenes Tor
Nun höre ich einen Engelschor
Das Vergangene fällt ab von mir
Ich beginn ein neues Leben hier

Ich streife durch grüne Weiden
Genieße den kühlen Schatten der Heiden
Lande an einem weiten Strand
Über mir ein strahlendes Wolkenband
Das Meer singt leise sein Lied
Keine Note erzählt was von Krieg
Die Sonne beendet schön ihren Weg
Als ob ein Phönix im Meer untergeht
Die Nacht wird lieblich geboren
Zu einer dunklen Fee erkoren
Wird Zeit sich schlafen zu legen
Lass Schlafsand über mich hinwegfegen

Der harte Grund lässt mich aufschrecken
Sehe, wie sich mir Gebeine entgegenstrecken
Das Land wurde auf Toten erbaut
Hat sich das Glück von anderen geklaut
Mit klarem Verstand renn‘ ich los
Da gibt mir der Wind einen Stoß
Wirbelt mich raus ins Lügenmeer
Von meiner Blindheit geschickt, durchbohrt mich ein Speer

Das kleine Engelchen

Es war einmal ein kleines Engelchen mit langen, dunklen Haaren, für jeden Menschen schön anzusehen, doch nicht so in der Engelsschule. Dort wurde es von den anderen Engelchen immer wieder geärgert, da einer seiner Flügel etwas geknickt war. Drum freute sich das Engelchen besonders, wenn es ein Mal in der Woche nicht zur Schule musste. An diesem Tag flog es hinab zur Erde, wo es seine Ruhe vor den anderen hatte. Dort wollte es mit den Tieren Freundschaft schließen, um endlich jemanden zum Spielen zu haben. Doch sobald ein Reh oder Hase es erblickte, flohen diese in Windeseile. Das kleine Engelchen verlor dennoch nicht den Mut. Die Tiere waren wahrscheinlich einfach zu schüchtern, dachte sich das Engelchen. Aber solange es nicht von ihnen geärgert wurde wie von den anderen, hatte es hier unten wenigstens seine Ruhe.
Eines schönen Tages durchstreifte es wieder einmal den Wald und kam an einem umgestürzten Baum vorbei. An dessen Wurzeln tummelten sich einige Käfer. Als sich ihnen das kleine Engelchen näherte, verkrochen sie sich in die Dunkelheit. Traurig setzte es sich neben den Baum. Eine Träne lief dem Engelchen die Wange herunter. Keiner mag mich, dachte es verzweifelt. „Wein doch nicht“, kam es aus dem Baum. Das Engelchen wandte sich der Wurzel zu und erst jetzt sah es, dass ein kleiner schwarzer Käfer darauf saß. „Du bist nicht weggerannt wie die anderen?“
Es strahlte den Käfer an. „Weißt du, die meisten hier halten nicht viel von euch. Sie sagen immer, ihr würdet euch für etwas Besseres halten, mit euren Flügeln und eurer ganzen strahlenden Erscheinung“, antwortete das Käferchen. „Aber du nicht?“, sagte das Engelchen. Sie schauten sich kurz in die Augen und das Engelchen verstand. So hatte es nun doch jemanden gefunden, der es so akzeptierte, wie es war. Endlich einen Spielkameraden gefunden, verbrachten sie den ganzen Tag miteinander.
Langsam wurde es Abend. „Ich muss wieder los“, sagte das Engelchen auf einmal. Fragend blickte es der Käfer an. „Ich kann erst in einer Woche wiederkommen, ich muss doch zur Engelsschule“, antwortete es traurig. „Warum denn?“
„Ach Käferle, das ist alles nicht so einfach. Wenn ich einen Tag nicht zur Engelsschule gehe, dann verlier ich meine Flügel und das willst du bestimmt nicht.“
„Nein, auf keinen Fall“, antwortete der Käfer. Sie verabschiedeten sich voneinander und das Engelchen flog wieder nach Hause.

Es verging Woche um Woche und mit jedem weiteren Tag mit dem Käferchen schlossen sie sich mehr ins Herz. So glücklich war das Engelchen noch nie gewesen. Auch wenn es immer noch zur Schule musste, konnte es sich jetzt umso mehr auf seinen freien Tag freuen. Einige Wochen später, die Sonne stand bereits tief am Horizont, sagte das Käferchen: „Mein Engelchen, ich weiß gar nicht, was ich die ganze Woche ohne dich machen soll. Kannst du wirklich nicht da bleiben?“
„Du weißt ganz genau, dass ich das nicht kann, Käferle. Ich muss doch…“, antwortete es ihm. „Ich weiß, aber kannst du nicht trotzdem?“
Da ließ das Engelchen den Kopf sinken, holte tief Luft und schaute dann den Sternen entgegen. Doch es brachte keine Antwort heraus. Es winkte ihm noch kurz zum Abschied und flog daraufhin gen Himmel.
Die nächsten Tage erschienen dem Engelchen schlimmer als sonst. Es war froh, als es endlich wieder seinen freien Tag hatte. Glücklich flog es hinab. Es trat an sein Käferchen heran. Er schien zu schlafen. Doch als es ihn an sich drücken wollte, merkte das kleine Engelchen, was passiert war. „Nein Käferle, nein, das kann nicht sein. Mein geliebtes Käferle“, dachte das Engelchen und fing bitterlich zu weinen an. Es konnte gar nicht mehr aufhören und so weinte es drei Tage lang, bis die letzte Träne auf den Erdboden tropfte. Dann sah es ein letztes Mal in die Augen des Käferchens und sagte: „Ja Käferle, ja…“

Glühwürmchen

Eine Frühlingsbrise lässt die Blätter erzittern
Der kühle Regen macht es unmöglich
Ein anderes Glühwürmchen zu wittern
In seiner Einsamkeit friert das Tierchen bitterlich
Obwohl es sicher und geborgen am Eichenstamm sitzt
Unglücklich krabbelt es zur Krone hinauf
Der Regen nimmt zu, es donnert und blitzt
Der Himmel schlägt seine letzten Augen auf

Von hier oben lässt es seinen Blick in die Ferne schweifen
Das Umland ist dagegen ganz von Dunkelheit umhüllt
Ein kleines Licht nicht weit von hier lässt Hoffnung in ihm reifen
Doch es ist nur ein Blitz, der den Wald mit Helligkeit erfüllt
Traurig schüttelt es Regentropfen aus seinen nassen Flügeln
Dabei öffnet es sie, als wären sie eine Last
Bevor es dazu kommt, über seinen nächsten Schritt zu grübeln
Wird es von einer heftigen Windböe erfasst

Mit aller Kraft kämpft es gegen den Wind
Um nicht am nächsten Baum zerdrückt zu werden
Erst als seine Beine auf einem festen Stein gelandet sind
Kann niemand mehr sein Glück verderben
Denn nicht weit von hier leuchtet es hinter einem Hain
Voller Vorfreude krabbelt es dorthin
So wird es umgarnt von des Feuers Schein
Brennende Flügel sind nun sein Gewinn

Vor Schmerzen rennt es wild umher
Nur weg von diesem Flammenmeer
In einer kleinen Pfütze findet es Erlösung
Sein Schicksal hingegen erfährt eine Entblößung
Der furchtbarsten Art
Sein Herz wird immer blasser
Bevor das Tierchen endgültig erstarrt
Ertrinkt es qualvoll im dunklen Wasser