Der Gott des Todes und der Mönch

Eines traurigen Tages war der Meister des Tempels friedlich eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Als die Mönche dies bemerkten, wuselten sie alle herbei und gaben ihm die letzte Ehre. Man klagte, betete und schmückte seinen Leib mit getrockneten Blütenblättern. Einer der Mönche konnte sein Tränen nicht mehr zurückhalten und fiel vor dem Meister auf die Knie. Plötzlich erschien Katox – der Gott des Todes – vor ihnen. Erschrocken wichen die Mönche zurück, bis auf den einen, der gerade am Boden kniete. Dieser schaute den Gott etwas ungläubig an. Ohne Umschweife ergriff Katox das Wort: „Oho, du bist wohl einer von der mutigen Sorte?“
Er musterte den Mönch kurz. Dann fuhr er fort: „Ich kann euch sicher behilflich sein. Wollt ihr nicht, dass ich euren Meister wieder zurück ins Leben bringe?“
Da stand der Mönch mutig auf und antwortete: „Oh großer Katox, führe uns nicht in Versuchung. Seine Zeit war wohl gekommen und uns steht es nicht zu, so etwas zu verlangen.“
Katox entgegnete: „Aber vielleicht kann ich ob des Verlustes etwas Gutes tun. Wie wäre es mit einer Wagenladung Gold als Ausgleich?“
„Unser Meister hat uns stets Bescheidenheit gelehrt. Wir haben hier alles, was wir brauchen“, erwiderte der Mönch.
„Ihr könntet damit sicher viel bewirken. Wenn schon nicht für euch. So gebt es doch den Armen“, versuchte ihn Katox zu überzeugen.
„Das klingt sehr reizvoll. Aber solch göttliche Eingriffe, kommen doch nie ohne Preis. Ich kenne all deine Geschichten, oh Katox.“
„Das ist wahr. Vielleicht… muss es sich nur richtig lohnen“, meinte Katox und offerierte: „Wie wäre es mit der Macht, Kriege zu verhindern oder die selbstsüchtigen Könige zu stürzen? Selbst wenn du dafür am Ende deine Seele geben müsstest, würdest du es doch tun, oder nicht?“
Der Mönch entgegnete: „Das klingt wahrlich verlockend. Doch es widerspricht dem natürlichen Lauf der Dinge. Alles braucht seine Zeit. Das ist der einzig wahre Weg.“
Katox begann zu lächeln, was meist kein gutes Zeichen war und sagte: „Ich sehe, du bist ein wahrer Gläubiger. Drum erhältst du etwas von mir, ohne dass du im Stande sein wirst, es abzulehnen.“
Das erste Mal blitzte Angst in den Augen des mutigen Mönches auf. Die anderen Mönche schreckten weiter zurück und versuchten sich hinter der spärlichen Einrichtung zu verstecken. Katox zeigte mit seinem Finger auf den Mönch und sagte: „Hiermit ernenne ich dich zum neuen Meister des Tempels. Mögest du ihn weise führen, bis dein letzter Tag auf Erden gekommen ist.“

Das Gleichnis des Lebens

Auch bekannt als das Gleichnis, das selbst die Götter überzeugte. Niemand weiß, ob es nur dafür ins Leben gerufen wurde oder um ein anderes Licht auf die Geschehnisse am Beginn der Zeit zu werfen.

Der Geist der Zeit existierte von Anbeginn. Doch er war nicht allmächtig. Er verlieh den Dingen lediglich Zeit. Wenn er eine Blume pflückte, verwelkten ihre Blüten augenblicklich. Streichelte er über einen Baum, verdorrte dieser. Einmal tanzte ein Schmetterling über seinem Schopf. Kaum hatte sich dieser auf den Kopf des Geistes niedergelassen, fiel er leblos zu Boden. Drum war es kein Wunder, dass der Geist von allen Zwerglingen und Tieren gefürchtet wurde. Kaum erblickten sie ihn, wurde er hinfort gejagt oder man floh Hals über Kopf. So streifte er unentwegt einsam durchs Land und fragte sich nach dem Sinn seiner Existenz, bis man ihn ganz vergessen hatte.

Eines Tages vernahm der Geist eine Stimme: „Wenn mir doch nur jemand helfen könnte.“
Er lugte hinter einem Zaun hervor und entdeckte eine kleine Hütte. Ein Heiler saß neben einem Bett und meinte: „Ich weiß auch nicht mehr weiter. Ich hab mein Bestes getan.“
Darauf sagte eine kränkliche Stimme: „Aber so geht es nicht weiter. Ich kann nicht auf ewig diese Qualen erleiden. Wo sind nur die Götter, wenn man sie braucht?“
„Vielleicht erbarmt sich Zion doch noch und heilt dich mit ihrer Magie. Oder Elfrik lässt uns seinen besonderen Wein zukommen, um die Schmerzen besser zu betäuben.“
„Bis jetzt hat mich niemand erhört. Ich will nur noch, dass es endet“, klagte der Kranke.
„Sollte tatsächlich jemand seine Hilfe benötigen?“, fragte sich der Geist. Selbstbewusst betrat er die Hütte.
„Zur Seite, Heiler! Ich bin genau der, den ihr sucht.“
Seine bleiche Erscheinung und sein forsches Auftreten ließen die zwei Zwerglinge kurz aufschrecken.
„Bist du… bist du ein Helfer der Götter?“, fragte der Heiler vorsichtig. Der Kranke hatte sich schnell wieder im Griff und sagte: „Wenn nicht, kannst du gleich wieder verschwinden. Bisher konnte mir niemand helfen.“
Da antwortete der Geist: „Ich kann dein Leiden beenden und dir ewigen Schlaf schenken.“
Während er dies sprach, berührte er den Efeu an der Hauswand und ließ ihn umgehend zu Staub zerfallen.
„So hat mich Zion doch erhört“, sagte der Kranke erfreut.
„Ich wurde von niemandem geschickt. Ich bin mein eigener Herr“, antwortete der Geist.
„Ohhh. Wenn das wirklich wahr ist, dann bitte. Bitte nimm meine Hand.“
Der Kranke streckte ihm erwartungsvoll die Hand entgegen. Der Geist schlug, ohne zu zögern, ein. Schlagartig fiel der Arm des Kranken auf die Decke. Seine Augen wurden leer und seine Atmung stoppte. Der Heiler machte große Augen und fiel auf die Knie.
„Bei den Göttern… oh du. Du hast vermocht, wozu niemand im Stande war; nicht einmal die Götter selbst. Wie soll ich dich preisen? Wie ist dein Name?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Ich bin noch auf der Suche“, antwortete der Geist.

Es dauerte nicht lange, da traf der Geist auf zwei weitere gequälte Seelen. Ein magerer Bär und ein dürrer Hase krümmten sich vor Schmerzen unter einem kargen Baum.
„Oh könnte uns doch nur jemand von unseren Qualen erlösen“, jammerte der Bär und hielt sich den Bauch.
„Ich verstehe einfach nicht, warum Sibella uns im Winter derart peinigt? Ich kann auch nicht mehr“, meinte der Hase. Der Geist trat an die beiden heran und fragte: „Was fehlt euch denn? Vielleicht kann ich helfen?“
„Wenn dich Sibella geschickt hat, dann sicherlich. Hast du nahrhafte Früchte dabei?“, fragte der Bär.
„Ich wurde von niemandem geschickt. Ich bin mein eigener Herr“, antwortete der Geist.
„Dann sind wir verloren. Siehst du nicht, dass wir gerade verhungern?“, jammerte der Hase.
„Ich könnte eure Leiden endgültig beenden“, widersprach der Geist. Der Bär musterte den Geist genauer und fragte: „Oh oh, bist du etwa dieser Geist, der Zwerglingen das Leben nehmen kann?“
„Wenn du das wirklich kannst, nur zu. So will ich nicht mehr leben“, klagte der Hase.
„Da hast du recht, Hase“, stimmte der Bär zu und bat den Geist: „Bitte lieber Geist, erlös uns von unserer Qual.“
„Euch beide? Das könnte ich wohl. Ich habe aber eine bessere Idee“, meinte der Geist. Er hob seine Hand und schritt auf die beiden zu. Dann tippte er kurz an die Stirn des Hasen. Augenblicklich fielen dessen Augen zu. Der Geist wandte sich darauf dem Bären zu und sagte: „Und nun mein guter Bär, iss und nähre dich. Denn Leben ist kostbar.“
„Guter Geist, wie soll ich dich preisen, wie ist dein Name?“, fragte der Bär.
„Das kann ich dir nicht sagen. Ich bin noch auf der Suche“, antwortete der Geist.

Die Taten des hilfreichen Geistes sprachen sich schnell herum; so auch bei den Tieren des Waldes. Als sie davon erfuhren, schöpften sie neue Hoffnung. Möglicherweise könnte er ihr Dilemma lösen. Und so wurde das erste Mal direkt nach dem Geist gerufen. Vögel schwärmten aus und fragten jedes Tier und jeden Zwergling, ob sie ihn gesehen hatten.
Nach wenigen Tagen traf der Geist auf eine Schwalbe, die ihn direkt um Hilfe bat. Er war über das Vertrauen der Tiere so erfreut, dass er der Schwalbe sogleich zusagte. Daraufhin folgte er ihr über Stock und Stein – an einer weiten Weide entlang – bis zu einem kleinen blühenden Hain. Unter den Baumkronen säumten Rehe, Wildschweine, Hasen, Bären und viele andere Tiere das Gras. Ein Hirsch mit prächtigem Geweih trat hervor und sprach: „Oh gutmütiger Geist. Wir haben deine Hilfe erbeten, da wir uns nicht mehr zu helfen wissen. Die Weiden und Wälder werden immer lichter. Man findet kaum noch Beeren oder Früchte. Immer häufiger werden unsere Bauten und Unterschlüpfe zerstört oder wir sind gezwungen, sie zu verlassen. Die Zwerglinge breiten sich indes ungezügelt weiter aus.“
Er machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: „Wir können unsere Kinder kaum noch versorgen und uns selbst erst recht nicht mehr. Kannst du uns nicht helfen? Du vermagst doch Zwerglingen das Leben zu nehmen? Wir würden auch alles tun, was du im Gegenzug verlangst.“
Der Geist überlegte kurz und sagte dann: „Mhm, das ist aber eine vermessene Bitte. Sollte ich mir nicht vorher anhören, was die Zwerglinge dazu zu sagen haben?“
„Wie du magst, aber sie werden dich sicher belügen. Das ist in ihrer Natur. Sie halten sich für Sibellas Kinder und alles andere ist für sie nichts Wert“, antwortete der stattliche Hirsch. Die Tiere des Waldes stimmten darauf ein:
„Genau, das sind alles Lügner“, meinte die Schlange.
„Bösartige Nesträuber“, schimpfte der Uhu.
„Und ungehobelte Schläger“, meinte das Schwein.
„Wir werden sehen“, sagte der Geist und verabschiedete sich.

Ohne Umschweife begab sich der Geist zur Hauptstadt der Zwerglinge und bat um eine Audienz beim König. Auch hier hatte man bereits von ihm gehört. Drum gewährte man ihm seine Bitte und führte ihn direkt zum Palast des Königs. In einem eindrucksvollen Thronsaal wurde der Ankömmling vom König höchstpersönlich empfangen. Ohne Kniefall oder königliche Begrüßung trug der Geist sogleich die Anschuldigungen der Tiere vor. Der König antwortete darauf mit ruhiger Stimme: „Wir wissen uns auch keinen Rat mehr. Die Ernten fallen von Jahr zu Jahr schlechter aus. Das Feuerholz wird jeden Winter knapper. Und Tiere berauben uns immer häufiger unserer Vorräte. Unsere Kinder müssen jeden Winter hungern. Es ist eine Qual.“
Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er energischer fort: „Wir müssen neue Ländereien ergründen. Wir haben gar keine andere Wahl. Wenn du uns dafür verachtest, bist du genauso heuchlerisch wie die Tiere. Sie halten sich für Sibellas höchste Schöpfung, weil sie zuerst in diese Welt kamen.“
„Euch ist also bewusst, was ihr tut?“, fragte der Geist rhetorisch.
Der König antwortete nicht.
„Das ist wahrlich ein Dilemma“, fügte der Geist hinzu. „Aber was wenn… würdet Ihr wirklich alles für eure Kinder tun?“
Der König lehnte sich vor und antwortete: „Natürlich würden wir das!“
„Gut“, sagte der Geist. Im nächsten Moment sprang er zum Thron und tippte dem König an die Stirn. Geräuschlos sank dieser in seinen samtenen Sitz zurück.
„Er hat dem König das Leben gestohlen!“, schrie eine der Wachen von der Seite und stürmte auf den Geist zu. Dieser hob vorsorglich seine Hand. Unbeeindruckt versuchte ihn die Wache mit ihrer Hellebarde niederzustrecken. Doch sobald die Klinge die Hand des Geistes berührte, zerstieb das Metall zu rötlichem Staub. Jetzt erst wurde den Wachen bewusst, wem sie da gegenüberstanden. Angsterfüllt ließen sie ihre Waffen fallen und flüchteten kopflos davon.

Danach suchte der Geist jeden älteren Zwergling heim und nahm ihm das Leben. Anschließend kehrte er zum Hain der Tiere zurück.
„Du hast es also getan?“, fragte der prächtige Hirsch.
„Die Zwerglinge werden euch keine Probleme mehr bereiten“, antwortete der Geist. Die Tiere jubelten.
„Du bist wahrlich…“, begann der Hirsch, wurde aber sofort vom Geist unterbrochen: „Damit ist es aber nicht getan. Ihr meintet schließlich, ihr würdet alles im Gegenzug tun?“
„Natürlich, oh mächtiger Geist“, sagte der Hirsch.
„Dann legt euch darnieder. Ihr werdet die nächsten sein.“
„Aber… aber so war das nicht ausgehandelt“, schnaubte der Hirsch und scharrte mit den Hufen.
„Wolltet ihr nicht alles tun?“, fragte der Geist.
„Aber die Zwerglinge sind doch…“
„Oh nein, kleiner Hirsch. Nicht die Zwerglinge sind Schuld, sondern das Leben selbst. Das endlose Leben ist das Übel dieser Welt. Es breitet sich unkontrolliert aus und vermaledeit alles, was es berührt, sogar sich selbst. Wenn du das Leben wirklich schützen willst, braucht es ein Ende.“
Da verstand der Hirsch, welchen Handel er eingegangen war. Er kniete sich nieder und sagte: „Wie sollen wir dich preisen, wie ist dein Name?“
„Das kann ich dir sagen. Denn meine Suche endet hier…“, antwortete der Geist. Denn endlich hatte er seine Bestimmung gefunden; als Gott des Todes.

Die perfekte Geschichte

„Ist es nicht erst dann perfekt, wenn es nicht komplett perfekt ist? Oder beruhigen sich so nur die Unbegabten?“, grübelte der alte Mann an seinem Schreibtisch und strich sich gedankenversunken durch seinen grauen Bart. Überall lagen Papierschnipsel mit unfertigen Texten verstreut. Mit einem Mal schlug die Haustür auf und eine ältere Dame betrat die Hütte.
„Ach, hier treibst du dich also die ganze Zeit herum“, begrüßte sie ihn forsch.
„Du kommst gerade ungelegen. Ich hab viel zu viel zu tun“, antwortete er, ohne sich umzudrehen.
„Ich hab dich draußen schon ewig nicht mehr gesehen“, meinte sie und näherte sich dem Schreibtisch. Argwöhnisch beäugte sie den überfüllten Arbeitsplatz und fragte: „Was ist denn so wichtig, dass du nicht einmal mehr deine alte Freundin besuchen kommst?“
Er blickte zu ihr auf und sagte: „Ich habe beschlossen, die perfekte Geschichte zu schreiben.“
„Ist das dein ernst? Nimmst du dir da nicht etwas zu viel vor?“, meinte sie belustigt.
„Zweifelst du etwa an meinen Fähigkeiten?“, fragte er streng.
„Oh nein, das nicht. Aber kann es überhaupt etwas Perfektes geben? Treten dabei nicht unweigerlich Paradoxien auf?“
„Das gilt es zu widerlegen. Und ich bin bereit, mich dieser Herausforderung zu stellen.“
„Na dann wünsch ich dir viel Glück dabei. Übertreib es bloß nicht“, sagte sie.
„Ja ja“, meinte er. „Keine Sorge, ich lass mich bald mal wieder sehen. Bis dahin.“
„Na gut, alter Griesgram“, sagte sie und verließ die Hütte wieder.

Doch wie sie bereits geahnt hatte, ließ er sich nicht blicken. Viel lieber schlug er sich unzählige Nächte um die Ohren, um weiter an seiner perfekten Geschichte zu arbeiten. Einige Wochen später, als sie des Wartens müde geworden war, kam die ältere Dame wieder vorbei.
„Hab ich mir’s doch gedacht, dass du dich nicht blicken lässt“, begrüßte sie ihn. Er antwortete nicht. Sie schaute zum Schreibtisch hinüber und entdeckte ihn mit dem Kopf, in seinen Armen eingebettet, auf dem Tisch liegen.
„Hat er sich wohl doch mal etwas Ruhe gegönnt?“, fragte sie sich.
Während sie noch überlegte, ob sie ihn wecken sollte, sagte plötzlich eine Stimme: „Ich hab schon mehr als die Hälfte geschafft.“
Sie fasste sich vor Schreck an die Brust.
„Meine Güte hast du mich erschrocken. Ich dachte, du schläfst.“
Er hob seinen Kopf und begann: „Seit wann…“
„Egal… arbeitest du wirklich immer noch an diesem perfekten Geschreibsel?“, fragte sie.
„Jaha, und es fehlt gar nicht mehr viel“, antwortete er. Sie schaute ihn skeptisch an und meinte: „Du kennst aber schon das Paretoprinzip? Dass 80% der Arbeit leicht von der Hand gehen und 20% der Arbeit 80% Aufwand mit sich bringen?“
„Natürlich, ich hab das schließlich erfunden“, sagte er und lachte.
„Ahja, dann schon mal danke dafür. Das ist nämlich echt nervig“, beschwerte sie sich. Daraufhin meinte er: „Alles hat seinen Platz und seine Berechtigung. Wenn es nicht so wäre, wie es ist, wäre es doch ganz schön unterkomplex und wahnsinnig langweilig.“
„Gerade deshalb solltest du am besten wissen, dass nicht immer alles perfekt sein muss“, konterte sie. Der Alte stand auf und machte eine ausladende Geste.
„Unperfektes gibt es wie Sterne im Universum. Wenn du etwas schaffen willst, das aus all dem heraussticht, muss es heller erstrahlen als der hellste Stern.“
Sie winkte ab und meinte: „Na Hauptsache du wirst irgendwann fertig.“
„Du wirst schon sehen. Es wird selbst dir die Sprache verschlagen“, sagte er und lächelte verschmitzt.
„Solange danach wieder alles wie immer wird, soll’s mir recht sein“, meinte sie und verdrehte die Augen.

Viele Wochen später bekam er erneut Besuch von seiner alten Freundin. Diesmal betrat sie die Hütte jedoch in einer erschütterten Eile, als wäre sie vor dem Teufel höchstpersönlich auf der Flucht.
„Sie kommen, sie kommen! Die Engel kommen!“, rief sie. Der Alte saß wie üblich an seinem Schreibtisch. Er drehte sich zu ihr und fragte ungläubig: „Die Dunklen? Die kommen doch sonst nur alle zehn Brahma-Jahre.“
Sie zeigte nach draußen und fragte: „Und, willst du sie nicht sehen?“
„Nein, ich hab Besseres zu tun. Ich bin nämlich kurz davor, mein Werk zu vollenden.“
„Aber, die Engel… die kannst du dir doch nicht entgehen lassen.“
„Beim nächsten Mal, mit Sicherheit“, sagte er und wandte sich ab.
Plötzlich klopfte es. Ein Engel mit dunklen Flügeln stand in der offenen Tür. Der Alte sprang erschrocken auf. Seine Freundin wich ehrfürchtig zur Wand zurück.
„Was wollt ihr hier?“, fragte der Alte harsch. Der Engel betrat die Hütte und antwortete: „Mein Herr, wir sind gekommen, um Sie abzuholen. Um Sie ins nächste Reich zu führen.“
„Das… das kann nicht sein. Ich bin hier noch nicht fertig“, sagte er entsetzt. Der Engel fuhr fort: „Es tut mir leid, doch so ist es. Und Sie werden…“
Da bäumte sich der Alte auf und schrie mit einer gottgleichen, bodenerzitternden Stimme: „ICH LASS MIR GAR NICHTS BEFEHLEN! ICH BIN SCHLIEẞLICH DAS ALPHA UND OMEGA!“
„Mein Herr, dessen sind wir uns bewusst. Doch jedes Wesen unterliegt Samsara – dem natürlichen Lauf des Wandels; auch Ihr“, versuchte ihn der Engel zu beschwichtigen.
„Ich…“, begann er.
„Ihr, der Ihr doch nahezu allwissend seid, seid Euch dem sicher bewusst“, fügte der Engel hinzu.
„Ja aber… aber ich bin noch nicht fertig“, sagte der Alte mit zittriger Stimme.
„Daran können wir nichts ändern. Dies lag stets nur in Eurer Hand.“
„Aber, es fehlt nicht mehr viel. Ich brauche nur etwas mehr Zeit“, versuchte er zu verhandeln.
„Als könnten wir den Fluss der Zeit verändern. Dies obliegt allein Samsara“, erwiderte der Engel.
„Wenn ich sie nicht fertigstelle, dann…“, begann der Alte und schaute zu seiner alten Freundin. Sie schaute traurig zurück und sagte: „Es tut mir leid, aber du weißt, ich bin nicht für deine Sphären verantwortlich.“
„Es ist Zeit. Kommt, mein Herr“, sagte der Engel und streckte ihm die Hand entgegen. Der Alte zögerte.
„Dann kann ich nur beten, dass es sich von selbst zum Guten vollendet.“
Er faltete seine Hände zusammen und schloss kurz die Augen. Eine Träne huschte über sein Gesicht.
„Nun gut, meine alte Freundin. Auf kein so baldiges Wiedersehen“, sagte er und nahm die Hand des Engels. Augenblicklich transzendierte der Engel mitsamt dem Alten in einem hellen Lichtblitz davon.

Der Gott des Todes und die vier Törichten – Das hässliche Angebot

Es war einmal in einer weit entfernten Zeit. Man hatte es geschafft, alle Krankheiten zu heilen. Ebenfalls musste niemand mehr aufgrund des Alters sterben. Es begab sich nun, dass sich vier Törichte trafen und über die alten Götter diskutierten.
„Ja, dem kann ich nur beipflichten. Den Gott des Todes haben wir endlich besiegt“, sagte einer.
„Ja welch ein überflüssiger Tropf“, sagte ein anderer.
„Genau, der soll nur kommen, als könnte der uns was.“
Mit diesen Worten ausgesprochen, erschien Katox vor ihnen – der Gott des Todes und der Krankheit. Keiner wich vor ihm zurück. Der erste Törichte maß sich an: „Verschwinde Armseliger. Hier hast du nichts mehr zu suchen.“
„Ist das so?“, lachte Katox. Und mit einem Fingerschnippen schied der erste Törichte dahin. „Mögest du für tausend Jahre auf Erden wandeln, Ungläubiger.“
Die restlichen drei, nun sichtlich eingeschüchtert, baten ihn um Verzeihung.
„Nun, ich bin heute in guter Stimmung. Entweder hole ich euch gleich oder ihr nehmt mein spezielles Angebot an. Fairerweise werde ich es euch näher erläutern. Ich verspreche euch, ich werde euch nicht persönlich holen. Solltet ihr jedoch aus einem anderen Grund dahinscheiden, müsst ihr danach so viel Jahre auf Erden wandeln, wie ihr lebend hier verbracht habt, bevor ihr ins Reich der Toten einkehren dürft.“
Ohne zu zögern, nahmen alle drei das Angebot an.
„Dann auf ein baldiges Wiedersehen, denn dies kann ich euch versichern“, sagte Katox und verschwand.
„Was kann uns jetzt noch geschehen? Das war eine gute Wahl, meine Freunde. Wir können nicht durch Krankheit oder Alter sterben und jetzt kann uns selbst Katox nicht mehr mit seinem Finger töten“, meinte der zweite Törichte. Die anderen pflichteten ihm bei.
„Trotzdem sollten wir Vorsicht walten lassen. Jene die Katox unterschätzen, verlieren schließlich immer“, gab der dritte Törichte zum Besten. Daraufhin trennten sie sich und gingen wieder ihrem gewöhnlichen Alltag nach.

Eines Tages war der zweite Törichte gerade mit seinem fliegenden Vehikel unterwegs. Da erschien plötzlich Katox vor ihm. Der Törichte erschrak fürchterlich, wodurch er die Kontrolle über sein Flugvehikel verlor. Mit einem heftigen Knall stürzte er gegen einen Berg und schied augenblicklich dahin.
Kurz darauf erschien Katox dem dritten Törichten auf dem Markt. Dieser wandte sich vor Angst von ihm ab und begab sich sofort auf den Heimweg. Währenddessen murmelte er: „Ich werde in keiner deiner Fallen tappen.“
Doch die Furcht blieb. Zur Sicherheit schloss er sich in sein Heim ein. Er ließ sich nur das Nötigste bringen und versuchte jede Bewegung zu vermeiden. Es dauerte nicht lange, bis seine Paranoia vollständig Besitz von ihm ergriff. Mit den Worten: „Mich kriegst du nicht, mich kriegst du nicht. Ich trick’s dich aus, hehe. Ich komm dir zuvor“, schnitt er sich selbst die Kehle durch und schied dahin.

Der letzte Törichte ließ sich nicht so leicht beirren. Er hatte einen starken Geist und war weit entfernt von Furcht oder Verrücktheit. Katox ließ ihn sich eine Weile in Sicherheit wiegen, doch es dauerte nicht lange, da erschien er auch ihm. Er weckte ihn zu später Stunde.
„Was willst du Katox? Willst du mich jetzt doch noch holen?“
„Ich sagte bereits, dass werde ich nicht tun und ‚Katox lügt niemals‘. Was wären sonst meine Angebote wert? Doch jenes, was ich euch offerierte, hättet ihr nie wählen sollen.“
„Ach, lass mich schlafen. Du kannst mir nichts, erbärmlicher Gott.“
„Das meinst du. Doch sagte ich nur, ich werde keinen von euch persönlich holen.“
Der letzte Törichte sah ihn verwundert an: „Was willst du damit sagen?“
„Sieh nur, wie friedlich deine Frau hier schläft. Als würde alles gut werden.“
Katox hob seine Hand und mit einem Fingerschnippen schied die Frau des Törichten dahin.
„Was, das kannst du nicht tun!“, schrie der Törichte.
„Welch begrenzter Geist. Wie kann ich nicht tun, was bereits geschehen ist? Nun denn, wollen wir uns deinen Kindern widmen?“
Katox hob erneut die Hand.
„Nein, bitte nicht. Du hast gewonnen.“
„So?“, tat Katox erstaunt. Er senkte seine Hand.
„Du Monster, Scharlatan und Blender.“
„Wenn du mich nur beschimpfen willst, scheinst du ja noch nicht aufgegeben zu haben.“
Der Gott hob erneut seine Hand. Augenblicklich sprang der Törichte aus dem Fenster und fiel in die dunkle Tiefe der Nacht. Als er den Boden erreichte, schied er dahin.

Der Tanz

Inspiriert durch das Lied „Please Tell Rosie“ von „Alle Farben feat. Younotus“.

Tanze durch die Nacht
In metallener Tracht
Heb dein Schild
Dreh dich wild

Mag der Boden wanken
Mögen Dornen ranken
Mag dein Lichtlein fallen
Mögen Blitze knallen

Halt die Tränen in Schach
Zieh dein Schwert und lach
Zeig mir deine höchste Kunst
Glaub an deine eigne Gunst

Sei der Wind auch frostig
Sei dein Schwert halb rostig
Seien Schatten deine eisigen Ketten
Seien Götter hier, die gegen dich wetten

Tanz mein tapf’rer Ritter
Tanz durchs düstere Gewitter

Tanze, bis die Rüstung rockt
Tanze, bis dein Atem stockt
Tanze, bis dein Schild zerbricht
Tanze, bis der Harnisch zischt
Tanze, bis hier alles zittert
Tanze, bis der Stahl zersplittert

Es funkt und schimmert
Es flammt und flimmert
Und tosend fegt ein Lichterschwall
Dein Panzer fort gen Schattenwall

Befreit erhebst du deinen Blick
Entfernst dein Umhang mit Geschick
Erstrahlst in einem weißen Kleid
Und öffnest deine Flügel weit

Nun schwebst du engelsgleich empor
Besungen von dem hellsten Chor

So tanze ewig liebster Ritter
Tanz durchs eigne Lichtgewitter

Das O vom Po

Wo liegt eigentlich der Poo?
Mein Po guckt gerade ins Klo
Nicht dein Po, ich meinte den Poo mit Doppel-O
Man schreibt beide mit nur einem O
Oh
Jedem sitzt mal ein Floh im Po
Oder ein Dodo
Der Dodo ist doch eher im Zoo
Und der Floh in ner Zirkusshow
So ne Show macht Kinder froh
Soso, und was ist mit Frodo?
Den Frodo verwechselst du wohl mit Bobo
Oh
So, Klo
Das Klo hatten wir doch scho
Mein Po ist fertig mit dem Klo
Achso

Der ungeduldige Schüler

In einem alten, längst vergessenem Kloster lebte einst ein junger Schüler. Seine Auffassungsgabe übertraf die aller anderen. Dies kam ihm jedoch des öfteren in die Quere. Wenn er seine Aufgaben als Erster erledigt hatte, vertrieb er sich meist die Zeit damit, Streiche auszuhecken. Einmal hatte er ein dutzend Fliegen eingefangen und diese unter dem Trinkbecher seines Lehrers versteckt. Als der alte Mönch etwas trinken wollte, hatte sich dieser zunächst sehr erschrocken. Dann hatte er kurz gekichert und gemeint, solche Possen könnte er nicht dulden. Mit der Strafe bewies der alte Mönch seinen ganz eigenen Humor: Als Wiedergutmachung musste der Schüler die Hälfte seiner Mahlzeit mit den gefangenen Fliegen teilen.

Eines Tages in der Kalligraphiestunde trat der alte Mönch an den kleinen Unruhestifter heran. Dieser schien mit seinem Text bereits fertig zu sein und über etwas nachzudenken. Da sagte der Mönch: „Was soll ich nur mit dir machen?“
Der Schüler schaute ihn fragend an. Der Mönch fuhr fort: „Du kannst zwar sehr aufmerksam sein, wenn du willst, aber warum nutzt du deine Zeit nicht richtig? Ich habe das Gefühl, dir fehlt es an Entschlossenheit. Vielleicht solltest du die Grundlagen der Zen-Meditation noch einmal lesen.“
„Aber die habe ich doch schon zweimal gelesen“, beschwerte sich der Schüler sogleich.
„Wohl aber noch nicht verstanden,“ erwiderte der Mönch. Da sprang der ungeduldige Schüler auf: „Dann fragt mich ab. Testet mich doch!“
Zum Erstaunen der anderen antwortete der Mönch: „Nun gut, ich werde dich prüfen. Wenn du erfolgreich bist, darfst du persönlich mit dem Klostermeister sprechen.“
Der Schüler strahlte.
„Komm mit“, sagte der Mönch. Freudig ging der Schüler an seinen Kameraden vorbei und folgte dem Mönch. Draußen auf dem Übungsplatz blieb dieser stehen und machte eine einladende Geste: „Setz dich hier auf dein Zafu und meditiere, bis der Meister kommt. Wenn er dich dabei erwischt, wie du faxen machst, dann wirst du niemals von ihm unterwiesen werden.“
Selbstsicher setzte sich der Schüler auf sein Sitzkissen. Daraufhin ließ ihn der Mönch alleine.

Am Anfang war alles wie gehabt. Schließlich hatte der Schüler schon etwas Übung im Meditieren. Doch es dauerte nicht lange, da hatte er seine übliche Zeit überschritten und seine Beine wurden unruhig. Er änderte die Position, aber kurz darauf wurde es nur schlimmer. Er wechselte die Beine mehrmals, doch es half alles nichts. Er schaute sich kurz um, um sich in Sicherheit wiegen zu können. Dann streckte er seine Beine und entspannte sie für eine Weile, bis er die Meditation fortsetzte. Zum Glück rechtzeitig genug, denn schon kam der Mönch vorbei und fragte: „Und, war der Meister bereits da?“
„Nein noch nicht“, antwortete der Schüler. Der Mönch druckste leise und verschwand wieder.

Bevor sich die Beine des Schülers wieder bemerkbar machen konnten, kam ein anderer Störenfried ins Spiel. Die Sonne folgte ihrer Bahn und vertrieb die kühlenden Schatten vom Platz. Die aufkommende Hitze ließ Schweißperlen über die Stirn des Schülers rinnen. Auch wenn er nicht so leicht aufgeben wollte, musste er dennoch seinem Ärger Luft machen: „Ganz toll. Jetzt bekomme ich auch noch Sonnenbrand und den Alten freut’s.“
Wie gerufen, kam der Mönch vorbei, um nach seinem Schüler zu sehen: „Und, war der Meister bereits da?“
„Nein, immer noch nicht“, klagte der Schüler. Der Mönch verbarg das Gesicht in seiner Kutte und druckste erneut, bevor er wieder verschwand.

Die Sonne sollte nicht der einzige Störenfried bleiben. Von der Wärme angezogen, flogen unzählige Fliegen herbei und ließen sich auf den heißen Steinplatten des Platzes nieder. Immer wieder schwirrten neue heran und zischten am Kopf des Schülers vorbei. Er versuchte sie mit sachten Handbewegungen zu vertreiben, doch es half nicht viel. Bald schon bemerkten die kleinen Unruhestifter, dass der Schüler noch mehr Hitze ausstrahlte. Wie abgesprochen, begannen sie auf ihm zu landen; seinen Beinen, seinen Armen, selbst auf seinem Gesicht. Wütend scheuchte er sie fort.
„Wie soll ich so ruhig bleiben und meditieren? Und wie lange soll ich eigentlich noch warten?“, schimpfte er vor sich hin. So verging einige Zeit, bis die Sonne die Abendruhe einleitete und die Schatten wieder die Überhand gewannen.

Erst im Abendrot ließ sich der alte Mönch wieder blicken. Der junge Schüler wollte schon erleichtert aufstehen, da wurde er gefragt: „Na, war der Meister bereits da?“
„Nein, war er nicht!“, schimpfte der Schüler. Der alte Mönch kicherte.
„Dann musst du wohl noch länger warten.“
Er wandte sich von seinem Schüler ab und wollte wieder gehen. Dieser fühlte sich jedoch ungerecht behandelt und rief ihm hinterer: „Aber meine Beine tun weh und es ist bald Nacht. Ihr könnt doch nicht erwarten, dass ich bei der Kälte draußen bleibe. Was ist das für eine blöde Prüfung?“
„Du gibst also auf?“, fragte der Mönch. Der Schüler sprang auf: „Ja, ihr wollt euch ohnehin nur über mich lustig machen.“
„Keineswegs“, antwortete der Mönch.
„Warum gebt ihr mir dann keine faire Chance?“, fragte der Schüler.
„Das tat ich. Du musst nur noch viel lernen.“
Erbost ging der Schüler an seinem Lehrer vorbei. Dieser fuhr fort: „Deine Augen sind nicht nur zum Sehen da, sondern auch zum Erkennen. Der Meister war bereits zugegen.“
Da hielt der Schüler inne: „Was wollt ihr damit sagen? Hat er sich hinterm Schilf versteckt?“
„Nahe dran. Er war fast von Anfang an da.“
Der Schüler schaute verdutzt. Der Mönch kicherte erneut und setzte wieder an: „Zuerst kam der Meister der Unruhe, dann Meister Sonne und zum Schluss Meister Fliege. Du könntest viel von ihnen lernen, wenn du richtig zusehen und zuhören würdest. Für heute hast du deine Chance verpasst.“
Der Schüler brauchte eine Weile, um die Worte in voller Gänze zu verstehen. Dann warf er sich dem Mönch vor die Füße.
„Ihr habt recht. Es tut mir leid. Ich sollte jede Gelegenheit nutzen, um zu lernen. Ich verspreche, dass ich dies fortan beherzigen werde.“

Jahrzehnte später erkannte der Schüler den Meister in sich selbst und leitete das Kloster mit weiser und gutmütiger Hand.

Der Schöpfungsmythos der Zwerglinge, ihrer Götter und dem Leben selbst

Am Anfang war kein Wort, sondern das stille Alpha. Es war jedoch von sich selbst sehr gelangweilt. Drum erschuf es mit einer gewaltigen Explosion die Welt. Für Äonen verfolgte es interessiert, wie Sterne entstanden und wieder vergingen. Doch irgendwann hatte es den Tanz jedes Sterns und jedes Komets bewundert und die verschiedensten Planeten bereist. Es hatte sich schlicht sattgesehen. Zudem konnte es all dies mit niemandem teilen. Erst jetzt bemerkte es, wie einsam es eigentlich war. Aus tiefster Einsicht entschied es sich, mit Kraft seiner Allmacht sich selbst in fünf persönliche Götter aufzuspalten:
Sibella, Zion, Elfrik, Habron und der Namenlose Narr.

Sibelle pflanzte den Keim des Lebens. Die Schönheit dessen erfüllte alle mit Glück.

Doch das Leben jagte ziellos in den Tag hinein. Niemand fragte nach dem Wie und Warum.
Drum brachte Zion das Geschenk des Wissens und der Magie. Damit erhoben sich die Zwerglinge und schieden sich von den Tieren ab.

Die Zwerglinge waren so eifrig, dass sie nie die Zeit fanden, sich an sich und dem Leben selbst zu erfreuen.
So verlieh Elfrik den Zwerglingen den Ausgleich der Müßigkeit und die Fähigkeit zu träumen.

Doch es dauerte nicht lange, da fühlten sich die Tiere zurückgedrängt. Sie wurden aggressiver und gefährlicher und bald schon wurden die Zwerglinge von Monstern und Dämonen heimgesucht.
Zum Schutz gab Habron den Zwerglingen die Kraft und den Kampfgeist, sich in der neuen Welt zu verteidigen.

Mit Wohlwollen betrachteten die Götter ihr Werk und die stetige Entwicklung der Zwerglinge; bis auf den Narren. Auch wenn ihre Schöpfung noch viel lernen musste, kam für den Narren schnell Langeweile auf. Für seinen Geschmack war alles einfach zu perfekt. Wenn sich daran etwas ändern sollte, müsste er es wohl selbst in die Hand nehmen.
Drum stieg er zu den Zwerglingen hinab.
„Ihr habt ein tolles Leben hier, ohne Frage. Ihr könnt essen, wie viel ihr wollt und wisst euch zu verteidigen. Dennoch gibt es viel mehr, als euch die Götter geschenkt haben und ihr euch überhaupt vorstellen könnt. Schaut einmal, was ich hier habe.“
In seiner Hand glitzerte ein lupenreiner Diamant. Das Funkeln zog die Zwerglinge sofort in seinen Bann.
„Wo gibt es mehr davon?“, wollten sie sogleich wissen.
„Ich kann es euch zeigen. Hier nahe den Bergen.“
„Aber in den Bergen leben doch die Dämonen.“
„Nur wer die Gefahr sucht, kann auch erfolgreich sein“, machte ihnen der Narr weis.
Und so brachte der Narr den Zwerglingen die Torheit.

Die anderen Götter waren von dieser Schandtat alles andere als angetan; besonders Zion als Göttin des Wissens nicht. Deshalb rief sie alle Götter zusammen, um zu beraten, was sie gegen den Narren unternehmen sollten. Denn wer weiß, was dieser als nächstes aushecken würde. Die ganze Nacht diskutierten sie über ihre Möglichkeiten. Am Ende hatten sie einen Plan geschmiedet, der seines Gleichen sucht.
Mit dem ersten Sonnenstrahl ließen sie dem Narren eine Botschaft zukommen. Unter dem Vorwand der Versöhnung luden sie ihn zu einer Feier ein. Das wollte er sich nicht entgehen lassen und war in Kürze herbeigeeilt. Als Friedensbund stieß man mit Elfriks Wein an. Bereits der erste Schluck benebelte den Geist des Narren. Habron zog sogleich seinen Hammer und zerschmetterte dessen Körper. Sibella wies den Baum des Lebens an, den Narren mit Dornenranken zu umschlingen. Sie sollten sein ewiges Gefängnis sein. Zion nahm ihr linkes Auge und setzte es auf einer Blüte des Lebensbaumes ab. Es war das Opfer für den unverzeihlichsten aller Zauber. Die Formel war schnell ausgesprochen, wodurch sich ein magisches Band zwischen ihrem Auge und dem Narren bildete. Dieser Fluch zwang den Narren fortan jede Sekunde wie tausend Jahre erleben zu müssen. Die ewige Langeweile sollte seine Strafe sein.
Das Werk der Götter war vollendet. Niemand würde mehr die Zwerglinge zu Missetaten verleiten oder sie ins Unglück stürzen können. Zufrieden gingen die Götter ihrer Wege und herrschten wie bisher über ihre jeweilige Domäne.

Unzählige Monde vergingen, bis die Götter bemerkten, dass etwas mit ihrer Schöpfung nicht stimmte. Das Leben breitete sich unkontrolliert aus und der Platz wurde immer rarer. Zion hatte eine Ahnung, was das Problem sein könnte.
„Irgendwie fehlt das Ende“, meinte sie. Doch als unsterbliche Götter konnten sie es nicht erfassen und wussten sich keinen Rat. Vielleicht brauchten sie einen verrückten Geist, der abseits von allem Wahren und Guten steht. Dieser Gedanke ließ Zion erkennen, dass der Narr nicht ohne Grund existierte. Möglicherweise konnte bloß er ihnen helfen.
Zusammen suchten sie das Gefängnis des Narren auf. Zion brach den unverzeihlichen Zauber und schilderte ihm ihr Problem. Der Narr antwortete daraufhin: „Wegen euch habe ich eine Ewigkeit erlebt. Zunächst war sie mit vollkommener Langeweile gefüllt gewesen. Doch bald hatte ich gemerkt, dass es mehr als nur die gewöhnlichen Ebenen der Existenz gibt. Ich habe gesehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie alles beginnt und endet. Das Alpha und Omega. Lasst mich frei und ich helfe euch.“
Die Götter schauten sich unentschlossen an. Aber Zion war von Vornherein bewusst gewesen, dass es am Ende darauf hinauslaufen würde.
„Solange du dich an die Abmachung hältst“, antwortete sie. Dann wandte sie sich Sibella zu: „Lass ihn frei.“
Im Nu schlängelte sich das Dornengefängnis davon. Der Narr streckte und reckte sich und ließ sich dabei unnötig lange Zeit, nur um die anderen Götter auf die Folter zu spannen. Dann sprach er: „Nun denn, ihr braucht das, was ihr euch nicht vorzustellen vermögt. Im Gegensatz zu Göttern darf Leben keine Ewigkeit kennen. Daher braucht es das Ende; namentlich den Tod.“
Die Götter begriffen zunächst nicht, was er meinte. Selbst Zion war dieses Konzept neu: „Wohin sollen Sie am Ende gehen?“
Er antwortete: „In mein persönliches Reich. Ins Reich der Toten. Dies wird selbst euch verwehrt bleiben.“
„Ich verstehe nicht, wie dies …“
„Es wird nicht den Regeln der gewöhnlichen Welt folgen, denn es existiert außerhalb davon. Ihr müsst es nicht verstehen, ihr müsst mir lediglich vertrauen.“
Er sprach mit solch einer Weisheit, dass ihm die Götter Glauben schenkten und sich respektvoll vor ihm verbeugten.
Und so wurde der Narr zum Verwalter über das Gleichgewicht des Lebens und war fortan bekannt als Katox der Gott des Todes.

Der heimliche Beobachter

Angelehnt an die buddhistische Geschichte über Stehlen aus „Buddhism Key Stage One“ von Jing Yin Ken Hudson.

Einst zogen ein Vater und sein Sohn als fahrende Händler durchs Land. Der Winter brach an und die Geschäfte liefen entsprechend schlecht. Niemand konnte es sich in solchen Zeiten leisten teure Ware zu kaufen, auch wenn sie von besonders guter Qualität war. Der Tag kam, an dem sie sich die letzte warme Mahlzeit gönnten und ihr Geldbeutel keine einzige Goldunze mehr aufwies.
Seinen eigenen Hunger würde der Vater verdrängen können, den seines Sohnes jedoch nicht. So sah er sich gezwungen, in die Scheune des nahegelegenen Bauernhofes einzusteigen und Kartoffeln zu stibitzen. Trotz des Hungers beklagte sein Sohn: „Ich dachte immer, wir sollen nichts nehmen, was uns nicht gegeben wird?“
„Es heißt aber auch, wir sollen es nur vermeiden zu stehlen. Nicht dass man es unter keinen Umständen tun soll“, versuchte sich sein Vater zu erklären. „In manchen Situationen muss man die Konsequenzen abwägen und manchmal hat man nur die Wahl zwischen einer bösen und einer sehr bösen Tat.“
Mit diesen Worten sein eigenes Gewissen beruhigt, packte er sich einen Sack voll mit Kartoffeln. Dabei vergaß er, dass manchmal nur ein einziges Mal ausreicht, um sich eine neue Angewohnheit anzueignen. So stahl man auch ein zweites und ein drittes Mal und fand immer wieder einen neuen Grund, wenn der vorangegangene ausgedient hatte. Nach einiger Zeit war ihr Geldbeutel wieder gut gefüllt, doch die Angewohnheit blieb.

Eines Nachts, es war Frühlingsbeginn und der Himmel wolkenklar, da schlichen sich der Vater und sein Sohn auf ein Kartoffelfeld. Der Vater füllte gerade den Jutesack bis oben hin, da flüsterte ihm sein Sohn zu: „Papa, ich glaube, wir werden beobachtet.“
Der Vater zuckte erschrocken zusammen und ließ den Sack fallen. Ein dutzend Kartoffeln kullerten über den Boden. Völlig panisch schaute er sich um, konnte aber niemanden entdecken.
„Da schau“, sagte der Junge und zeigte in den Himmel. „Der Mann im Mond.“
Sein Vater gab ein tiefes, erleichtertes Seufzen von sich. Er hatte schon mit dem Schlimmsten gerechnet. Doch der Gedanke jemand schaue ihm tatsächlich beim Stehlen zu, löste große Scham in ihm aus. Was tat er da eigentlich, fragte er sich. Mit einem Mal erkannte er seine sündige Tat. Ihm wurde augenblicklich klar, dass selbst wenn er unentdeckt stahl, dies keinesfalls ohne Konsequenzen blieb.
Daraufhin besuchte er jeden von ihm einst heimgesuchten Bauernhof und zahlte jede gestohlene Kartoffel zurück. Auf diese Weise hoffte er auch, das durch ihn hervorgerufene Misstrauen wieder gutzumachen.

Seit jenem Frühling hat der Vater nie wieder darüber nachgedacht etwas zu stehlen und wenn man ihn diesbezüglich fragt, antwortet er gerne: „Wir sollten nie vergessen, dass unser Handeln immer beobachtet wird. Selbst wenn der Mann im Mond gerade blinzelt, es gibt immer jemanden, der zuschaut und das sind wir selbst.“