Der Schöpfungsmythos der Zwerglinge, ihrer Götter und dem Leben selbst

Am Anfang war kein Wort, sondern das stille Alpha. Es war jedoch von sich selbst sehr gelangweilt. Drum erschuf es mit einer gewaltigen Explosion die Welt. Für Äonen verfolgte es interessiert, wie Sterne entstanden und wieder vergingen. Doch irgendwann hatte es den Tanz jedes Sterns und jedes Komets bewundert und die verschiedensten Planeten bereist. Es hatte sich schlicht sattgesehen. Zudem konnte es all dies mit niemandem teilen. Erst jetzt bemerkte es, wie einsam es eigentlich war. Aus tiefster Einsicht entschied es sich, mit Kraft seiner Allmacht sich selbst in fünf persönliche Götter aufzuspalten:
Sibella, Zion, Elfrik, Habron und der Namenlose Narr.

Sibelle pflanzte den Keim des Lebens. Die Schönheit dessen erfüllte alle mit Glück.

Doch das Leben jagte ziellos in den Tag hinein. Niemand fragte nach dem Wie und Warum.
Drum brachte Zion das Geschenk des Wissens und der Magie. Damit erhoben sich die Zwerglinge und schieden sich von den Tieren ab.

Die Zwerglinge waren so eifrig, dass sie nie die Zeit fanden, sich an sich und dem Leben selbst zu erfreuen.
So verlieh Elfrik den Zwerglingen den Ausgleich der Müßigkeit und die Fähigkeit zu träumen.

Doch es dauerte nicht lange, da fühlten sich die Tiere zurückgedrängt. Sie wurden aggressiver und gefährlicher und bald schon wurden die Zwerglinge von Monstern und Dämonen heimgesucht.
Zum Schutz gab Habron den Zwerglingen die Kraft und den Kampfgeist, sich in der neuen Welt zu verteidigen.

Mit Wohlwollen betrachteten die Götter ihr Werk und die stetige Entwicklung der Zwerglinge; bis auf den Narren. Auch wenn ihre Schöpfung noch viel lernen musste, kam für den Narren schnell Langeweile auf. Für seinen Geschmack war alles einfach zu perfekt. Wenn sich daran etwas ändern sollte, müsste er es wohl selbst in die Hand nehmen.
Drum stieg er zu den Zwerglingen hinab.
„Ihr habt ein tolles Leben hier, ohne Frage. Ihr könnt essen, wie viel ihr wollt und wisst euch zu verteidigen. Dennoch gibt es viel mehr, als euch die Götter geschenkt haben und ihr euch überhaupt vorstellen könnt. Schaut einmal, was ich hier habe.“
In seiner Hand glitzerte ein lupenreiner Diamant. Das Funkeln zog die Zwerglinge sofort in seinen Bann.
„Wo gibt es mehr davon?“, wollten sie sogleich wissen.
„Ich kann es euch zeigen. Hier nahe den Bergen.“
„Aber in den Bergen leben doch die Dämonen.“
„Nur wer die Gefahr sucht, kann auch erfolgreich sein“, machte ihnen der Narr weis.
Und so brachte der Narr den Zwerglingen die Torheit.

Die anderen Götter waren von dieser Schandtat alles andere als angetan; besonders Zion als Göttin des Wissens nicht. Deshalb rief sie alle Götter zusammen, um zu beraten, was sie gegen den Narren unternehmen sollten. Denn wer weiß, was dieser als nächstes aushecken würde. Die ganze Nacht diskutierten sie über ihre Möglichkeiten. Am Ende hatten sie einen Plan geschmiedet, der seines Gleichen sucht.
Mit dem ersten Sonnenstrahl ließen sie dem Narren eine Botschaft zukommen. Unter dem Vorwand der Versöhnung luden sie ihn zu einer Feier ein. Das wollte er sich nicht entgehen lassen und war in Kürze herbeigeeilt. Als Friedensbund stieß man mit Elfriks Wein an. Bereits der erste Schluck benebelte den Geist des Narren. Habron zog sogleich seinen Hammer und zerschmetterte dessen Körper. Sibella wies den Baum des Lebens an, den Narren mit Dornenranken zu umschlingen. Sie sollten sein ewiges Gefängnis sein. Zion nahm ihr linkes Auge und setzte es auf einer Blüte des Lebensbaumes ab. Es war das Opfer für den unverzeihlichsten aller Zauber. Die Formel war schnell ausgesprochen, wodurch sich ein magisches Band zwischen ihrem Auge und dem Narren bildete. Dieser Fluch zwang den Narren fortan jede Sekunde wie tausend Jahre erleben zu müssen. Die ewige Langeweile sollte seine Strafe sein.
Das Werk der Götter war vollendet. Niemand würde mehr die Zwerglinge zu Missetaten verleiten oder sie ins Unglück stürzen können. Zufrieden gingen die Götter ihrer Wege und herrschten wie bisher über ihre jeweilige Domäne.

Unzählige Monde vergingen, bis die Götter bemerkten, dass etwas mit ihrer Schöpfung nicht stimmte. Das Leben breitete sich unkontrolliert aus und der Platz wurde immer rarer. Zion hatte eine Ahnung, was das Problem sein könnte.
„Irgendwie fehlt das Ende“, meinte sie. Doch als unsterbliche Götter konnten sie es nicht erfassen und wussten sich keinen Rat. Vielleicht brauchten sie einen verrückten Geist, der abseits von allem Wahren und Guten steht. Dieser Gedanke ließ Zion erkennen, dass der Narr nicht ohne Grund existierte. Möglicherweise konnte bloß er ihnen helfen.
Zusammen suchten sie das Gefängnis des Narren auf. Zion brach den unverzeihlichen Zauber und schilderte ihm ihr Problem. Der Narr antwortete daraufhin: „Wegen euch habe ich eine Ewigkeit erlebt. Zunächst war sie mit vollkommener Langeweile gefüllt gewesen. Doch bald hatte ich gemerkt, dass es mehr als nur die gewöhnlichen Ebenen der Existenz gibt. Ich habe gesehen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Wie alles beginnt und endet. Das Alpha und Omega. Lasst mich frei und ich helfe euch.“
Die Götter schauten sich unentschlossen an. Aber Zion war von Vornherein bewusst gewesen, dass es am Ende darauf hinauslaufen würde.
„Solange du dich an die Abmachung hältst“, antwortete sie. Dann wandte sie sich Sibella zu: „Lass ihn frei.“
Im Nu schlängelte sich das Dornengefängnis davon. Der Narr streckte und reckte sich und ließ sich dabei unnötig lange Zeit, nur um die anderen Götter auf die Folter zu spannen. Dann sprach er: „Nun denn, ihr braucht das, was ihr euch nicht vorzustellen vermögt. Im Gegensatz zu Göttern darf Leben keine Ewigkeit kennen. Daher braucht es das Ende; namentlich den Tod.“
Die Götter begriffen zunächst nicht, was er meinte. Selbst Zion war dieses Konzept neu: „Wohin sollen Sie am Ende gehen?“
Er antwortete: „In mein persönliches Reich. Ins Reich der Toten. Dies wird selbst euch verwehrt bleiben.“
„Ich verstehe nicht, wie dies …“
„Es wird nicht den Regeln der gewöhnlichen Welt folgen, denn es existiert außerhalb davon. Ihr müsst es nicht verstehen, ihr müsst mir lediglich vertrauen.“
Er sprach mit solch einer Weisheit, dass ihm die Götter Glauben schenkten und sich respektvoll vor ihm verbeugten.
Und so wurde der Narr zum Verwalter über das Gleichgewicht des Lebens und war fortan bekannt als Katox der Gott des Todes.

Die Feier ohne Segen

Es war einmal ein junger Bauer, der den Göttern kaum huldigte. Er meinte stets, er könne alles aus eigener Kraft erreichen. Drum war er fleißig und half auch gerne bei der Feldarbeit. Da die Ernte dieses Jahr gut ausgefallen war, wollte das Dorf ein Fest feiern, um Sibella – der Göttin der Fruchtbarkeit – zu danken. Dieses sollte am Hof des jungen Mannes stattfinden.

In wenigen Tagen hatte man alles Nötige arrangiert und das fröhliche Treiben konnte beginnen. Es wurde reichlich Met verteilt, getanzt und gelacht. Die heitere Feier sollte jedoch nicht lange währen. Kräftige Windböen bliesen eifrig Wolken herbei und der Himmel verdunkelte sich zusehends. Regen schoss gen Boden und trieb die Gäste in die große Scheune. Der junge Mann war bekannt für sein achtloses Handeln mit den Göttern. Deshalb wurde er sogleich gefragte, ob er Sibellas Segen eingeholt hatte. Er versicherte ihnen, dass er dies getan hatte. Schließlich feierten sie ihr zu Ehren ein Fest: „Die Mönche im Tempel haben mir sogar versichert, dass das Wetter sonnig und klar werden soll.“
Murmeln raunte durch die Scheune. Da kam einem eine Idee: „Du hast doch nicht etwa Elfrik vergessen, den Gott des Feierns?“
„Du scherzt wohl, armer Tropf. Sibella ist die Göttin des Wetters und nicht Elfrik“, erwiderte der junge Mann.
Das Gewitter war schnell vergessen und so feierte man fröhlich und vergnügt in der Scheune weiter. Es wurde wieder reichlich Met ausgeschenkt und der ein oder andere trank über den Durst hinaus; ebenso der junge Mann. Drum war es kein Wunder, dass es alsbald zum Streit zwischen ihm und einem gläubigen Lehrer kam. Sekunden später artete dieser in einer Keilerei aus. Das Met in seinen Adern schwächte den jungen Mann so sehr, dass er selbst gegen den betagten Lehrmeister alt aussah. Als er, von der Faust des Lehrers getroffen, zu Boden fiel, lachte die Menge laut auf.
„Jättest mal lieber um Elfriks Seschen jebeten“, warf ihm ein Mann mit roter Nase an den Kopf.
„Pah, Habron ist der Gott des Kampfes und nicht Elfrik,“ versuchte er sich zu verteidigen.
Um von seinem Fauxpas abzulenken, zog der junge Mann die Vorstellung des Zauberers vor. Dieser beeindruckte die Gäste mit allerlei Tricks und Illusionen. Vor allem die hin und her zuckenden Blitze brachten die Menge zum Staunen.
Doch mit einem Mal – niemand weiß genau warum – entzog sich die Magie der Kontrolle des Zauberers. Feuerbälle flogen wild umher und schnell stand die Scheune in Flammen. Die Leute rannten um ihr Leben. Zum Glück schafften es alle unverletzt nach draußen. Doch trotz des Regens brannte die Scheune unbeirrt weiter. Hilflos musste der junge Mann mitansehen, wie das Gebäude in großem Funkenflug in sich zusammenstürzte.
„Hättest du mal zu Elfrik gebetet“, tadelte ihn ein kleiner Bub.
„Aber… aber Zion ist doch die Göttin der Zauberei“, stammelte der junge Mann. So hatte die Feier ein trauriges Ende genommen und die Gäste eilten nach Hause.

In den nächsten Tagen blieb der junge Mann im Bett, denn er fühlte sich nicht besonders gut. Der Arzt, der ihn besuchte, vermutete, dass es wohl an dem Wetter und dem übermäßigen Met lag. Was er sich jedoch genau eingefangen hatte, konnte er ihm nicht mit Sicherheit sagen. Seine Frau setzte sich zu ihm ans Bett und sagte: „Willst du nicht zu Elfrik beten?“
Mit schwacher Stimme antwortete er: „Ich dachte, Katox ist der Gott über Tod und Krankheit.“
„Wenn du es schon nicht aus Überzeugung tun willst, dann tue es wenigstens für mich.“
Und so faltete der junge Mann seine Hände zusammen und betete das erste Mal in seinem Leben zu Elfrik – dem Gott der Müßigkeit, des Feierns und Herr über unsere Träume. Im nächsten Moment schloss er seine Augen und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als er wieder aufwachte, fühlte er sich, als könnte er Bäume ausreißen. Er sprang aus dem Bett und eilte nach draußen. Die Sonne lachte ihm sogleich entgegen. Das rege Treiben auf seinem Hof lies sein Herz noch höher Schlagen. Viele der Dorfbewohner hatten sich zusammengefunden und waren gerade damit beschäftigt die Grundpfeiler für eine neue Scheune aufzurichten. Sofort begrüßte er die vielen Helfer und bat sie um Verzeihung für die misslungene Feier. Sie winkten ab: „Ist ja zum Glück niemand verletzt wurden.“
„Und hoffentlich wird dir dies eine Lehre sein“, fügte ein Mann mit roter Nase hinzu. Daraufhin packte der junge Mann mit an und zusammen bauten sie die Scheune noch größer und prächtiger als zuvor wieder auf.
Als sie fertiggestellt war, wollte man sie mit einer neuen Feier einweihen. Dieses Mal bat der junge Mann im Voraus um Elfriks Segen. Anschließend feierte man vergnügt bis tief in die Nacht hinein, ohne dass auch nur ein einziger unzufriedener Gast nach Hause ging.